Als Anleger merkt man schnell, dass in Sachen Börse nichts wirklich sicher vorhersagbar ist. Da wäre es natürlich grandios, wenn man ein paar Faustregeln zur Hand hätte, mit denen sich das Unerwartete umschiffen ließe. Faustregeln wie „sell in may and go away, but remember to come back in september“. Aber zuletzt funktionierte diese Regel kaum noch … könnte das 2026 anders werden?
Ich finde es absolut verständlich, dass sich manche Anleger nach Tools sehnen, die einem das Erzielen von Gewinnen erleichtern. Die Suche nach solchen Eiern des Kolumbus nimmt immer dann dramatisch ab, wen Aufwärtstrends über Jahre funktionieren und man eigentlich mit „kaufen und halten“ nichts falsch macht. Anders wird es, wenn plötzlich der alte Wegbegleiter der Börsen wieder vorbeischaut: das Unerwartete. Dann wirbeln die Märkte durcheinander, man weiß nicht, wann und wo die Kurse wohin drehen und ist genötigt, höchst aufmerksam zu agieren. Das kostet Zeit, erfordert Wissen und Disziplin. Nach Phasen, in denen von alledem nichts vonnöten war, will das natürlich keiner. Und dann geht die Suche los:
Die Suche nach der perfekten Prognose, nach dem perfekten Indikator oder Handelssystem oder nach der perfekten Faustregel, die einen aller Mühsal enthebt. Im Mai verkaufen, im September wieder einsteigen, diese uralte Regel soll, so behaupten einige, die Performance spürbar verbessern und somit ein ideales „Helferlein“ des Anlegers sein. Wirklich?
Die Grundlage der „sell in may“-Faustregel existiert schon lange nicht mehr
Nein, nicht wirklich. Der folgende Chart des DAX zeigt, dass das meist nicht funktioniert. Dabei habe ich hier als Verkaufszeitpunkt den ersten Handelstag im Mai angesetzt, als Zeitpunkt des Wiedereinstiegs den ersten Handelstag im September. Da es keine taugliche Regel dafür gibt, ob jeweils der Monatsanfang oder dessen Ende gelten soll (was die Statistiken für die Fans dieser Regel angenehm flexibel macht), muss man einfach einen bestimmten Zeitpunkt annehmen. Aber auch, wenn man daran dreht und Varianten durchspielt: Diese Regel funktioniert in der Mehrzahl der Jahre nun einmal nicht. Und das ist auch nachvollziehbar, denn:

Diese „Strategie“ entstand aus der Beobachtung heraus, dass Anleger dazu neigten, vor Beginn der Sommer-Ferienzeit ihre Aktien eher zu verkaufen. Und zwar deswegen, weil sie Sorge hatten, dass in dieser Zeit etwas Negatives passieren und die Kurse massiv drücken könnte, ohne dass sie eingreifen könnten oder das auch nur mitbekommen würden. Diese Verkäufer kehrten aber im September, wenn die Ferienzeit vorbei war, wieder zurück, das sorgte ab dann für tendenziell wieder festere Kurse. Wobei die Ferienzeit in den USA, wo die Faustregel herkommt, Anfang September endet, was dafür spricht, die Sache mit den jeweiligen Monatsanfängen durchzuspielen, wie vorstehend geschehen.
Das klingt nicht nur, als würden wir von einem Umfeld wie vor 100 Jahren sprechen, genau darum geht es tatsächlich. Noch bis in die Achtzigerjahre war es schwierig, relativ aktuelle Kurse zu bekommen. Das war schon im eigenen Büro aufwändig, aber irgendwo unterwegs noch weitaus mehr. Dasselbe galt für das Trading: Ohne das heute normale Online-Trading war man bis in die Neunzigerjahre mehr oder weniger von allem abgeschnitten. Aber heute eben nicht mehr.
Ebbe und Flut in Bezug auf den Anleger-Optimismus: Gibt es, bringt hier aber wenig
Ein Aspekt könnte indes hilfreich sein, um das „sell in may“ weiterhin einigermaßen sinnvoll wirken zu lassen: Das stete Auf und Ab im Stimmungsbild der Marktteilnehmer. Ob das laufende Jahr mies lief oder solide, im Herbst beginnt die Saison der Prognosen für das kommende Jahr. Und meist sind die, offenbar nach dem Motto „neues Jahr, neues Glück“, ziemlich optimistisch. Das wirkt ansteckend auf die Anleger, weshalb die Kurse so auffällig oft im Herbst nach oben drehen, meist in der Zeit zwischen Anfang September und Ende Oktober. Und sind erst ein paar Monate im neuen Jahr vorüber und viele Prognosen einige Male nach unten korrigiert worden, schwindet diese Zuversicht. So gesehen könnte das dafür sprechen, dass diese Regel trotz der überkommenen ursprünglichen Basis funktioniert. Tut sie aber nicht.
Und dass sie öfter daneben liegt als funktioniert, hat durchaus einen logischen Hintergrund, der schwerer wiegt als die Gezeiten ins Sachen Anlegerstimmung: den, dass sich entscheidende, trendbestimmende Ereignisse nicht um den Kalender scheren.
Die großen Ereignisse, die Trends drehen können, halten sich nicht an den Kalender
Der „Corona-Crash“ kam im März 2020. Der Angriff auf die Ukraine erfolgte im Februar 2022. Der Trump’sche Zoll-Schock fand Anfang April 2025 statt, der Angriff auf den Iran Anfang März 2026. Der Mai taucht in dieser Liste nicht auf. Die Folge: Entweder fielen die Kurse schon deutlich vor dem Mai, wie im folgenden Chart beim DAX für das Jahr 2022 gezeigt, und fielen dann weiter. Oder sie waren, wie im Mai 2020 oder im Mai 2025, längst wieder auf dem Weg nach oben.

Und so geht das eigentlich immer. Ein Abdrehen nach unten im Frühjahr und der Aufwärtsschwenk im Herbst tauchen vor allem dann öfter auf, wenn es um ruhige Börsenjahre geht, in denen keine dramatischen Ereignisse alles durcheinanderwirbeln. Aber derzeit kann man von einem ruhigen Umfeld nun wirklich nicht sprechen. Was 2026 noch alles an Überraschungen bereithält, weiß niemand. Aber man darf mutmaßen: Da kommt noch einiges an Unerwartetem auf uns zu. Aber mal angenommen, man wollte wider aller Logik trotzdem nach der „sell in may“-Faustregel handeln: Wäre man dann zwingend zum Scheitern verurteilt?
Könnte 2026 wieder ein „sell in may“-Jahr werden?
Zwingend wäre das keineswegs. Auch, wenn alles kann, aber nichts muss, weil in unsichtbaren Lettern über jeder Börse „Unverhofft kommt oft“ geschrieben steht: Die Chance, dass 2026 ein Jahr wird, in dem man mit einem Ausstieg im Mai und dem Rückkauf im September grundsätzlich Performance gutmachen könnte, wäre zumindest vorhanden. Immerhin haben wir eine gewaltige Schere zwischen der weltwirtschaftlichen und geopolitischen Realität und der Hausse der Aktienmärkte. Aber trotzdem wäre es eine riskante Wette, auf eine Faustregel zu setzen, die genau das, nämlich das Risiko, eigentlich verringern soll, denn:

Je unsicherer die Zeiten, desto emotionaler die Entscheidungen der Marktteilnehmer. Dass sich die vorgenannte Schere zu Ungunsten der Aktienmärkte schließen wird, wäre die derzeit logischere Variante der Zukunft, das ist schon so. Aber die Logik ist eben derzeit kein entscheidender Faktor. Außerdem könnte niemand auch nur ahnen, was in den Monaten zwischen Mai und September passiert – es könnten genauso gut sehr positive Entwicklungen auftauchen, die die laufende Hausse nicht nur verlängern, sondern auch faktisch unterfüttern. Und selbst, wenn nicht:
Dass die Kurse im Fall eines in nächster Zeit erfolgenden Abwärtsschwenks im September oder kurz danach nach oben drehen, ist aus heutiger Sicht nur eine Wette auf das übliche Hoffen auf ein starkes, neues Jahr. Es kann aber sehr leicht – z.B. aufgrund der US-Zwischenwahlen im September – dazu kommen, dass diese Hoffnungsphase ausfällt und, wer im September kauft, das Falsche tut. Daher:
Die Börse lässt sich nun einmal nicht einfach mit irgendwelchen Plattitüden vorhersagbar und „einfach“ machen. Sie gehorcht mit der Nachrichtenlage, der Menge an freiem Kapital und der wankelmütigen Gemütslage der Anleger vielen Herren … und keiner von ihnen ist berechenbar. Daher ist ein konsequentes Verfolgen laufender Trends der weitaus bessere Weg. Und einer, der zwar eine gewisse Disziplin, aber keineswegs gewaltiges Fachwissen und viel Zeit benötigen würde. „sell in may and go away“? Ab in die Mottenkiste damit!
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 03.05.2026 um 20:34 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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