Die Energiepreise sind immens gestiegen, die Krise in Nahost nur auf Basis von US-Behauptungen fast vom Tisch – und der Nasdaq 100 markierte gestern einen Verlaufsrekord. Das mag so gar nicht zueinanderpassen … und stellt die neuen Hochs auf tönerne Füße.
Dieser Anstieg des Index über das Ende Oktober 2025 markierte, bisherige Verlaufshoch von 26.182 Punkten ist umso denkwürdiger, als der technologielastige Index Ende Januar an dieser Hürde gescheitert war und eine Korrektur begann, nachdem die Ende Januar/Anfang Februar eingelaufenen Unternehmensbilanzen zum vierten Quartal 2025 die Akteure nicht hinreichend überzeugen konnten, um auf dem rekordnahen Kursniveau weiter einzusteigen. Jetzt geht der Index über die Hürde, obwohl wir einen Nahostkonflikt haben, den es Ende Januar noch nicht gab, und die Bilanzen zum ersten Quartal seitens der meisten großen Mega-Caps des Nasdaq 100 noch gar nicht vorliegen.
Das wirkt, als würde man hier auf einer Leiter mit äußerst dünnen Sprossen nach oben klettern. Und das dürfte auch in der Tat der Fall sein. Die Frage ist indes: Wieso ist dieser Ausbruch, der – Sie sehen es im Chart auf Tagesbasis – bislang äußerst knapp daherkommt, überhaupt gelungen?

Expertenmeinung: Seit Wochen ist dieser Iran-Krieg laut den Aussagen aus dem Weißen Haus „fast“ beendet, die Straße von Hormus „fast“ wieder frei und damit das Ende der hohen Ölpreise „fast“ in greifbarer Nähe. Es wäre überraschend, wenn so viele Marktteilnehmer Aussagen, denen sie noch Ende März komplett misstrauten, auf einmal Glauben schenken, nur, weil eine Waffenruhe erreicht wurde, die jederzeit enden könnte. Natürlich heißt es, der Glaube versetze Berge. Aber woher soll der kommen?
Es könnte sich hier um einen klassischen Herden-Effekt handeln. Die Ersten schließen ihre Shortpositionen, erste spekulative Trader wagen sich auf die Long-Seite. Und je länger das nicht schiefgeht, desto mehr Akteure springen auf den Zug auf, immer begleitet von der Angst, womöglich zu spät zu kommen. Denn schließlich hatte es in den letzten Jahren eine ganze Reihe V-förmiger Aufwärtswenden gegeben – und keine endete zuletzt in einem Debakel für diejenigen, die einfach mit der Herde mitgelaufen waren.
Hinzu kommt, dass diese seit Anfang des Monats laufende Rallye charttechnisch durchaus unterfüttert ist. In einem ersten Schritt gelang die Rückkehr in die Handelsspanne, die den Index zuvor seit September 2025 in einer Seitwärtsbewegung festgehalten hatte, nachdem der Index zuvor auf der oberen Begrenzung eines Anfang 2020 etablierten Aufwärtstrendkanals gedreht hatte, wie Sie hier im Chart auf Monatsbasis sehen.

Dadurch war der Nasdaq 100 schon nicht mehr bärisch, sondern mittelfristig neutral und kurzfristig bullisch. Die nächste Stufe zündete kurz darauf, als die wichtigen, gleitenden Durchschnitte der letzten 50, 100 und 200 Börsentage überboten wurden. Das reichte, um an die Hochs vom vergangenen Oktober bzw. von Ende Januar zu laufen – und diese Hochs wurden gestern leicht überboten. Ein starkes Signal, aber:
Jetzt ist das eigentliche Ziel, das man ins Auge hätte fassen können, nämlich das „Auspreisen“ der Krise und die Rückkehr an die vorherigen Hochs, ja erreicht. Für signifikant höher liegende Kurse müsste nicht nur das Nahost-Problem vom Tisch sein, sondern es bräuchte auch starke Argumente mit Blick auf weiter steigende Unternehmensgewinne. Und wie eingangs betont: Das Gros der Bilanzen steht erst noch an. Man weiß nicht, wie das erste Quartal lief und wie die „Big Tech“-Unternehmen das angelaufene zweite Quartal einschätzen.
Damit wirkt die Sache gewagt. Und sie wirkt umso fragiler, als vermutlich keineswegs zufällig direkt vor der heute stattfindenden Abrechnung der April-Laufzeiten am Terminmarkt ein neues Hoch erreicht wurde. Oft finden sich Indizes wie der Nasdaq 100 zu einer Abrechnung an einem Extrempunkt wieder, sprich am Hoch oder Tief eines laufenden Trends. In diesem Fall haben wir sogar seit der letzten Terminbörsen-Abrechnung im März einen drastischen Turnaround und das Erreichen eines Extrempunkts. Was dazu führt, dass beim heutigen Auslaufen der April-Laufzeiten am Optionsmarkt sehr viele Options-Käufer leer ausgehen werden, während sich die Verkäufer der Optionen, vor allem von Puts, die Hände reiben dürften.
Auf der Verkäuferseite der Optionen, also auf der Seite, die die Option sozusagen „emittiert“ und einem Trader anbietet, stehen mehrheitlich große Investoren, die ggf. auch, wenn es sich für sie rechnet, aktiv Kursbewegungen intensivieren. Das könnte auch diesmal der Fall gewesen sein. Was einen nicht beunruhigen müsste, wäre diese Trendbewegung faktisch solide unterfüttert. Aber bei einem weiter offenen Iran-Konflikt, der ebenso offenen Dimension des volkswirtschaftlichen Schadens dieser Entwicklung und noch vor Kenntnis der Ausblicke der Index-Schwergewichte auf das laufende Quartal bzw. Jahr ist das eben nicht der Fall.
Und wenn ein mit entscheidender Aspekt dieser Rallye die heutige Abrechnung war, ist umso mehr Vorsicht angezeigt, denn diese Ziellinie wird heute überschritten, danach wäre das Interesse, die Kurse „oben zu halten“, naturgemäß erst einmal geringer. Daher: Bei bestehenden Long-Positionen knapp unterhalb der jetzt als Support dienenden Chartzone 25.827 zu 26.182 Punkte einen Stopp zu platzieren, wäre hier durchaus zu überlegen.
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