Guten Tag Herr Jusifov, die LYNX Broker-Redaktion freut sich sehr, dass Sie sich Zeit für ein Interview mit uns nehmen. Vielleicht können Sie sich uns zu Beginn ein wenig vorstellen und uns erzählen, wann und wie Sie zur Börse gekommen sind?
Ich bin Emil Jusifov, Börsenanalyst und Gründer von Cashflow Profi. Eigentlich komme ich aus der IT. Nach meinem Informatikstudium habe ich einige Jahre als Entwickler und IT-Berater gearbeitet, bevor ich 2020 in den Finanzjournalismus wechselte.
Anfang 2023 machte ich mich schließlich selbstständig. Heute beschäftige ich mich vor allem mit options- und aktienbasierten Cashflow-Strategien und langfristigem Vermögensaufbau.
Mein erster Kontakt mit der Börse liegt schon ziemlich lange zurück. Als Schüler wurde ich zur Zeit des Neuen Marktes erstmals auf Aktien aufmerksam. Damals herrschte eine regelrechte Goldgräberstimmung. Über Aktien wurde überall gesprochen: im Radio, in den Nachrichten, bei Bekannten, und selbst der Nachbar hatte plötzlich einen heißen Tipp.
Die wirkliche Leidenschaft kam aber erst einige Jahre später während meines Informatikstudiums in München. Damals las ich meine ersten Börsenbücher, darunter André Kostolanys „Die Kunst, über Geld nachzudenken“. Kurz darauf kaufte ich meine ersten Aktien.
Jeder erfolgreiche Trader oder Anleger hat zu Beginn seiner Laufbahn als „Lehrgeld“ mindestens ein, wenn nicht gar mehrere Konten „platt“ gemacht, so hört man immer wieder. Können Sie auch auf schmerzhafte Niederlagen zurückblicken und was haben Sie daraus gelernt?
Dass man erst einmal ein Konto plattmachen muss, um erfolgreich zu investieren, halte ich für Unsinn. Verluste und Fehlentscheidungen gehören aber natürlich dazu.
Ein Erlebnis ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: ein überraschender Margin Call bei einem Optionstrade auf Beyond Meat im Sommer 2019. Ich hatte viele tief im Geld liegende Bear-Call-Spreads eröffnet, weil ich mit einem deutlichen Kursrückgang rechnete. Dabei vereinnahmte ich hohe Optionsprämien.
Mit der Richtung lag ich am Ende richtig. Beyond Meat war damals jedoch extrem stark geshortet; Aktien zum Leerverkauf waren knapp und teuer. Viele Calls wurden deshalb vorzeitig ausgeübt, wahrscheinlich um Shortpositionen zu schließen.
Das traf auch meine Positionen. Die Short-Calls wurden ausgeübt und plötzlich hatte ich große Short-Aktienbestände im Depot. Der Marginbedarf schoss nach oben und andere Positionen drohten zwangsliquidiert zu werden.
Ich konnte das verhindern, indem ich meine Long-Calls ebenfalls vorzeitig ausübte und die Short-Aktien damit ausglich. Ich lag mit meiner Einschätzung also richtig und bekam trotzdem einen Margin Call. Das war mir eine Lehre.
Gab es außer Verlusten noch andere Schwierigkeiten (z. B. psychologisch, zu wenig Startkapital …), die Sie schließlich meistern konnten?
Die psychologische Seite ist wahrscheinlich schwieriger als die reine Aktienanalyse. Wenn Kurse stark steigen, möchte man dabei sein. Wenn es kräftig nach unten geht, möchte man plötzlich raus.
Mit der Zeit wird man ruhiger. Ich muss heute nicht jede Bewegung mitmachen und kann auch längere Zeit viel Cash halten, wenn ich keine wirklich interessante Gelegenheit sehe.
Was glauben Sie, warum sind Sie als Trader erfolgreich in diesem Geschäft geworden und haben letztendlich den Durchbruch geschafft, während viele andere letztlich scheitern?
Geholfen hat mir sicher mein Hintergrund als Informatiker. In der Informatik lernt man, Probleme strukturiert anzugehen. Später kamen mehrere Jahre dazu, in denen ich mich beruflich praktisch jeden Tag mit Unternehmen, Quartalszahlen und Aktien beschäftigt habe.
Ich versuche außerdem, nicht zuerst darüber nachzudenken, wo eine Aktie nächste Woche stehen könnte. Mich interessiert zunächst das Unternehmen: Wie verdient es Geld? Wie stark ist die Marktstellung? Wie entwickeln sich Umsatz, Margen und Cashflow? Und zu welchem Preis bekomme ich das Ganze?
Man muss übrigens auch nicht ständig richtigliegen. Die guten Investments müssen die schlechten nur deutlich überkompensieren.
Haben Ihnen Vorbilder oder Mentoren geholfen, Ihren Weg zu finden?
Einen klassischen Mentor hatte ich nicht. Geprägt haben mich aber einige Investoren und Autoren. Ganz am Anfang war es André Kostolany. Später kamen Warren Buffett und Peter Lynch dazu.
Von jedem habe ich eine wichtige Lektion mitgenommen: Kostolany hat mir gezeigt, wie wichtig Psychologie und Geduld an der Börse sind. Von Buffett habe ich gelernt, konsequent auf Qualität und Bewertung zu achten. Und von Lynch, dass gute Investmentideen oft direkt aus dem eigenen Alltag kommen.
Am Ende habe ich daraus meinen eigenen Ansatz entwickelt, den ich in meinem Buch „Cashflow-Strategie“ beschrieben habe.
Mit welchem bekannten Trader bzw. mit welcher Investmentlegende würden Sie denn gerne einmal einen Kaffee trinken?
Ganz klar Warren Buffett. Ich würde ihn wahrscheinlich gar nicht nach seiner nächsten Aktie fragen. Mich würde viel mehr interessieren, wie er heute innerhalb weniger Minuten entscheidet, ob ein Unternehmen überhaupt interessant genug ist, um sich näher damit zu beschäftigen.
Wie sieht Ihr Tagesablauf aus, halten Sie sich strikt an einen speziellen Tradingplan oder führen ein Trading-Tagebuch?
Ich bin kein klassischer Daytrader, der morgens den Rechner einschaltet und auf ein bestimmtes Signal wartet. Ein großer Teil meines Tages besteht aus Recherche: Unternehmensmeldungen, Quartalsberichte, neue Investmentideen und natürlich die bestehenden Depotpositionen.
Dazu kommt die redaktionelle Arbeit für meinen Börsenbrief und den Blog. Durch den Börsenbrief dokumentiere ich meine Käufe und Verkäufe ohnehin. Ich muss meinen Lesern schließlich nicht nur sagen, was ich kaufe oder verkaufe, sondern auch, warum. Ein klassisches Trading-Tagebuch brauche ich deshalb nicht zusätzlich.
Das soziale Umfeld von Arbeitskollegen oder Kunden fehlt bei den meisten Berufs-Tradern. Viele sind deshalb auch in sozialen Netzwerken unterwegs, um sich mit Trader-Kollegen auszutauschen. Sehen Sie sich als beruflichen „Lone Wolf“ bzw. wie gehen Sie mit diesem Thema um?
Bei Investmententscheidungen schon ein Stück weit. Ich höre mir gerne andere Meinungen an, entscheide aber selbst.
Ansonsten fehlt mir der Austausch eigentlich nicht. Durch Leser, Social Media, Webinare, Podcasts und Gespräche mit anderen Kollegen und Anlegern habe ich davon eher mehr als genug.
Was bedeutet Ihnen Trading bzw. eigenständiges Anlegen und was ist für Sie das Schönste daran?
Freiheit.
Ich entscheide selbst, wo ich mein Kapital investiere und welches Risiko ich eingehe. Die Börse zwingt mich außerdem ständig, mich mit neuen Unternehmen, Technologien und Entwicklungen zu beschäftigen.
Natürlich gefällt mir auch der Gedanke, dass irgendwann nicht mehr nur ich für mein Geld arbeite, sondern mein Kapital auch für mich.
Was würden Sie denn beruflich machen, wenn das mit dem Trading bzw. Investieren nicht geklappt hätte?
Wahrscheinlich wäre ich noch in der IT.
Das war schließlich viele Jahre mein Beruf. Ganz verschwunden ist die IT aus meinem heutigen Alltag aber auch nicht. Bei Cashflow Profi entwickle ich inzwischen eigene Analysemodelle und KI-basierte Tools, etwa den „Cashflow-Profi-Analyst“, mit dem sich Aktien vorab fundamental analysieren und bewerten lassen. Da kommen meine beiden beruflichen Welten wieder ziemlich gut zusammen.
Ist Ihnen mal ein außergewöhnlicher Trade gelungen, an den Sie gerne zurückdenken?
Da gibt es einige Trades, an die ich gerne zurückdenke. Tesla gehört sicher dazu. Mitten im Corona-Crash habe ich die Aktie gekauft. Innerhalb relativ kurzer Zeit hat sich der Kurs etwa verzehnfacht. Die letzten Stücke habe ich 2021 nahe dem damaligen Hoch verkauft.
Spannend finde ich aber auch einige jüngere Beispiele aus meinem Börsenbrief. IBM habe ich 2023 ins Depot aufgenommen, als viele Anleger die Aktie nach Jahren ohne große Kursbewegung bereits abgeschrieben hatten. Seitdem hat sich der Kurs etwa verdoppelt. TSMC habe ich ebenfalls 2023 direkt zum Start meines Börsenbriefs gekauft. Für mich war schon damals klar, dass der Konzern beim Ausbau der KI-Infrastruktur eine wichtige Rolle spielen würde. Inzwischen liegt die Position rund 350 Prozent im Plus.
Aus meinem Stillhalter-Depot ist mir außerdem der AMD-Trade besonders gut in Erinnerung geblieben, den ich auch in meinem Blog beschrieben habe. Anfang 2025 bin ich über verkaufte Put-Optionen eingestiegen, als die Aktie gerade konsolidierte. Nur wenige Monate später ließ ich die Aktien über gedeckte Calls wieder ausbuchen. Unterm Strich brachte der Trade meinen Lesern und mir mehr als 6.200 USD Gewinn aus Kursgewinnen und Optionsprämien.
Jeder Trader oder Anleger benötigt einen individuell passenden Handelsstil basierend auf Techniken, Märkten und Zeitrahmen. Wie sieht Ihr Stil aus, nach welchen Gesichtspunkten wählen Sie Ihre Trades aus?
Ich würde mich am ehesten als systematischen Cashflow-Strategen und Investor bezeichnen. Dabei geht es mir nicht darum, einfach nur möglichst viele Dividendenaktien zu kaufen. Wachstumswerte spielen in meinen Depots eine ebenso wichtige Rolle. Entscheidend ist für mich, dass sich Rendite und laufender Cashflow sinnvoll miteinander verbinden lassen.
Dafür arbeite ich mit festen Regeln. Schon beim Einstieg lege ich fest, welchen Preis ich für eine Aktie zahlen möchte und wie groß die Position werden darf. Genauso gibt es Regeln für Gewinnmitnahmen. Wenn eine Aktie sehr stark gelaufen ist und die Bewertung nicht mehr zur fundamentalen Entwicklung passt, nehme ich auch bei einem guten Unternehmen einen Teil der Gewinne mit. Buy-and-Hold um jeden Preis passt nicht zu meinem Ansatz.
Optionen sind ein weiterer Baustein. Cash-Secured-Puts nutze ich häufig für den Einstieg, Covered-Calls für zusätzlichen Cashflow. Auch beim Timing versuche ich, möglichst wenig aus dem Bauch heraus zu entscheiden. Dafür nutze ich unter anderem meine selbst entwickelte Optionsampel. Sie wird laufend aktualisiert und zeigt mir, ob das aktuelle Marktumfeld eher für ein offensives oder defensives Vorgehen spricht.
Welche Wünsche und Ziele haben Sie als Trader/Anleger und im privaten Bereich?
An der Börse möchte ich weiterhin attraktive Renditen erzielen und gleichzeitig einen immer größeren laufenden Cashflow aufbauen.
Beruflich möchte ich Cashflow Profi weiter ausbauen und möglichst vielen Menschen dabei helfen, ihre finanziellen Ziele zu erreichen. Am meisten freut es mich, wenn mir Leser oder Follower schreiben, dass ich ihnen bei ihren Anlageentscheidungen wirklich weiterhelfen konnte.
Privat ist das Ziel eigentlich einfach: möglichst frei über meine Zeit entscheiden zu können.
Welche Hobbys begeistern Sie, d. h. wie verbringen Sie tradingfreie Tage am liebsten?
Schach gehört schon sehr lange zu meinem Leben. Ich spiele selbst und mag diesen Mix aus Strategie, Logik und Berechnung.
Auch andere Sportarten begeistern mich, vor allem Kampf- und Ballsportarten. Früher habe ich Judo gemacht, heute spiele ich in meiner Freizeit gerne Basketball.
Eine weitere Leidenschaft ist Musik. Ich spiele Konzertgitarre. Außerdem reise ich sehr gerne, wenn es die Zeit erlaubt.
Welche Tipps geben Sie unerfahreneren Kollegen oder Lesern mit auf den Weg?
Mein wichtigster Rat: Kapitalschutz geht vor Gewinnmaximierung.
Du musst an der Börse nicht jeden Treffer landen. Es reicht, die großen Fehler zu vermeiden und bei den guten Investments lange genug dabeizubleiben.
Und lauf nicht jedem Kurs hinterher. Es wird immer eine Aktie geben, die gerade durch die Decke geht. Das heißt noch lange nicht, dass du sie jetzt kaufen musst.