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Anthropic IPO: Schwer in Worte zu fassen 

von Tobias Krieg
27.10.2026 | 17:10 Uhr
LYNX bei Google bevorzugen

Die Aktienanalysen von Tobias Krieg basieren auf einer Kombination aus Charttechnik und Fundamentalanalyse. Dabei liegt der Fokus auf der Bewertung von Unternehmen anhand ihrer finanziellen Kennzahlen, wie z. B. KGV, Cashflow oder Eigenkapitalrendite, sowie auf der Identifikation von überdurchschnittlichen Wachstumspotenzialen zu einem attraktiven Einstiegskurs.

Der Umsatz von Anthropic ist in einem Quartal von 4,7 auf 11,6 Milliarden Dollar gesprungen. Ist das IPO die Gelegenheit des Jahres?

Anthropic wurde 2021 von ehemaligen OpenAI-Mitarbeitern gegründet und konkurriert heute mit OpenAI und Google um die Vorherrschaft bei generativer künstlicher Intelligenz. 
Am Umsatz gemessen dürfte Anthropic sogar führend sein. 

Doch der Börsenprospekt zeigt auch, welchen Preis das alles hat. 

Börsengang im November geplant 

Am 26. Oktober 2026 hat Anthropic seinen Börsenprospekt bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht. Geplant ist eine Notierung an der Nasdaq unter dem Kürzel ANT. Der endgültige Ausgabepreis und die Zahl der angebotenen Aktien standen bei Einreichung noch nicht fest. Als möglicher Zeitraum für die Platzierung wurde die Woche ab dem 16. November genannt. 

Die wachsende Kundenbasis, das starke Umsatzwachstum bei Bestandskunden und die verbesserte operative Entwicklung sprechen dafür, dass sich KI-Modelle zunehmend kommerzialisieren lassen. 

Was im Detail im Prospekt steht, erfahren Sie in diesem Artikel. 

Vom Start-up zum Milliardenunternehmen 

Das Geschäftsmodell ist vergleichsweise einfach. Leistungsfähige KI-Modelle wie Claude sollen Unternehmen produktiver machen, Softwareentwicklung beschleunigen und komplexe Arbeitsabläufe automatisieren. 

Kunden bezahlen für die Nutzung von Claude, greifen über Programmierschnittstellen auf die Modelle zu oder integrieren sie in ihre eigenen Anwendungen. Mit Claude Code hat Anthropic zudem einen wichtigen Wachstumstreiber im Markt für KI-gestützte Softwareentwicklung etabliert. 

Wie stark die Nachfrage und wie hoch das Wachstum sind, zeigt der Börsenprospekt. Im ersten Halbjahr 2025 erzielte Anthropic einen Umsatz von 1,2 Mrd. USD, was bereits stattlich ist, vor allem wenn man bedenkt, dass das Unternehmen erst wenige Jahre zuvor gegründet wurde. 

Im ersten Halbjahr 2026 lag der Umsatz allerdings bei 16,2 Mrd. USD und hat sich demnach mehr als verzehnfacht. 
Davon entfielen wiederum 11,6 Mrd. USD auf das zweite Quartal. Der Umsatz ist demnach in nur einem Quartal von 4,7 auf 11,6 Mrd. USD gestiegen. 

Auch die Kundenbasis wächst rasant. Die Zahl der Kunden, die innerhalb von zwölf Monaten mindestens 100.000 Dollar Umsatz generierten, stieg binnen eines Jahres von 950 auf mehr als 11.900. 
In über 20 Jahren an der Börse habe ich nichts Vergleichbares gesehen. 

Zu den Kunden gehören inzwischen die zehn größten US-Konzerne, mehr als die Hälfte der Fortune 500 und über 30 Prozent der weltweit größten Unternehmen aus dem Global-2000-Ranking. 
Laut Anthropic nutzen sie Claude & Co. in relevantem Umfang. 

Besonders bemerkenswert ist die Net Revenue Retention von rund 900 Prozent. Diese Kennzahl zeigt, wie stark die Umsätze mit bestehenden Kunden wachsen, ohne dass neu gewonnene Kunden berücksichtigt werden. 
Auf Jahressicht haben die Kunden von Anthropic ihre Ausgaben demnach verneunfacht. 

Es dürfte schwer vorstellbar sein, dass das der Fall wäre, wenn Claude den Kunden keinen Mehrwert liefern würde. Es spricht auch dafür, dass Claude in immer mehr Prozesse integriert wird. 

Von Gewinn kann keine Rede sein 

Rasantes Wachstum allein macht allerdings noch kein gutes Geschäft. Die Entwicklung der Kosten ist deshalb mindestens ebenso interessant wie die Umsatzkurve. 

2025 lag der operative Verlust bei rund 8,1 Milliarden Dollar. Im ersten Halbjahr 2026 verringerte er sich auf 693 Mio. USD. Im zweiten Quartal erzielte Anthropic laut den im Prospekt enthaltenen Quartalsdaten sogar einen operativen Gewinn von rund 974 Mio. USD bei einem Umsatz von 11,56 Mrd. USD. 

Ein wesentlicher Faktor ist die verbesserte Relation zwischen Umsatz und Infrastrukturkosten. Im ersten Halbjahr 2026 entfielen rund 8,95 Milliarden Dollar auf Rechenleistung und Infrastruktur. Das entsprach etwa 55 Prozent des Umsatzes. Im Vorjahreszeitraum lag der Anteil noch bei rund 201 Prozent. 

Anthropic erzielt also deutlich mehr Umsatz je Dollar, der in diese Kostenkategorie fließt. Das deutet auf erhebliche Skaleneffekte hin.  

80 Milliarden Dollar Verlust?  

Das ist ein erstes positives Zeichen. Allerdings sind damit nicht sämtliche Investitionen sowie Forschungs- und Entwicklungskosten erfasst. 
Von schwarzen Zahlen ist das Unternehmen noch meilenweit entfernt. Im ersten Halbjahr wurde ein Nettoergebnis von -80,7 Mrd. USD erzielt. 

Auf den ersten Blick wirkt diese Kennzahl erschreckend. Es hat sich jedoch herausgestellt, dass sich dahinter etwas anderes verbirgt. Rund 72,4 Milliarden Dollar entfielen auf die Neubewertung von Wandelanleihen, Derivaten und sogenannten SAFEs. Bei SAFEs handelt es sich um Finanzierungsinstrumente, die später in Eigenkapital umgewandelt werden können und als Verbindlichkeit in den Büchern stehen. 

Das macht den Verlust nicht bedeutungslos, aber er ist kein geeigneter Maßstab, um die operative Entwicklung zu beurteilen. Umgekehrt wäre es ebenso voreilig, aus einem operativen Gewinn in einem einzelnen Quartal auf eine nachhaltige oder dauerhafte Profitabilität zu schließen. 

Anthropic selbst drückt es wie folgt aus: „We have a history of net losses and may not generate sufficient revenue to achieve or sustain profitability in the future.“ 

Das ganz große Geschäft 

Anthropic benötigt gewaltige Mengen an Rechenleistung. Dafür arbeitet das Unternehmen unter anderem mit Amazon, Google und den Chipherstellern Nvidia und AMD zusammen. Amazon und Google sind zugleich Investoren.  

Das verschafft Anthropic Zugang zu Infrastruktur und Vertriebswegen, schafft aber auch Abhängigkeiten von diesen Technologiepartnern. Umgekehrt sind die Hyperscaler und Chiphersteller auch zunehmend von Anthropic abhängig. 

Anthropic ist inzwischen einer der größten Abnehmer für Rechenleistung und daher ist es eine zentrale Frage für die Branche, ob das Unternehmen seinen gigantischen Verpflichtungen auch nachkommen kann. 

Vorerst dürfte das der Fall sein, denn zum 30. Juni 2026 verfügte das Unternehmen über liquide Mittel von 112,4 Milliarden Dollar. 
Damit ist das Unternehmen gut kapitalisiert und dürfte sich die hohen Ausgaben vorerst leisten können. 

Darüber hinaus könnte Anthropic bei dem bevorstehenden Börsengang (IPO) mehr als 100 Milliarden US-Dollar an frischem Kapital einnehmen. Teilweise liegen die Schätzungen sogar bei bis zu 200 Milliarden US-Dollar. 

Für Google, Amazon und Microsoft sind das gute Nachrichten, denn Anthropic dürfte einen erheblichen Teil des Kapitals in Rechenleistung stecken. 
Anthropic finanziert dadurch einen bedeutenden Teil der Infrastruktur-Investitionen der Hyperscaler – und die finanzieren wiederum den Halbleiter-Sektor und Hersteller anderer Komponenten für Rechenzentren. 

Chancen:

  • Wachsender KI-Markt: Unternehmen setzen künstliche Intelligenz zunehmend ein, um Arbeitsabläufe zu automatisieren und ihre Produktivität zu steigern. Anthropic kann mit seiner Claude-Modellfamilie von dieser Entwicklung profitieren.
  • Wachsendes Geschäft mit Unternehmenskunden: Wird Claude fest in betriebliche Prozesse integriert, können daraus wiederkehrende Einnahmen und eine stärkere Kundenbindung entstehen.
  • Neue Einnahmen durch Claude Code: Der KI-Assistent unterstützt Entwickler beim Programmieren, Testen und Beheben von Fehlern. Damit erschließt Anthropic einen Anwendungsbereich, in dem Unternehmen einen unmittelbaren wirtschaftlichen Nutzen erzielen können.
  • Zusätzliche Anwendungen durch KI-Agenten: Systeme, die mehrstufige Aufgaben übernehmen, können den Einsatz von Claude über klassische Chatbots hinaus erweitern – beispielsweise im Vertrieb, im Kundenservice oder bei der Datenanalyse.
  • Große Partner als Vertriebskanal: Die Zusammenarbeit mit Cloudanbietern wie Amazon, Google und Microsoft erleichtert Unternehmen den Zugang zu Claude. Dadurch kann Anthropic zusätzliche Kunden erreichen und international wachsen.

Risiken:

  • Hohe Bewertung beim Börsengang: Sollte Anthropic beim IPO bereits mit hohen Wachstumserwartungen bewertet werden, könnten enttäuschende Geschäftszahlen oder eine nachlassende KI-Euphorie deutliche Kursverluste auslösen. Gerade in der ersten Zeit nach dem Börsengang sind starke Kursschwankungen möglich.
  • Hoher Kapitalbedarf: Die Entwicklung leistungsfähiger KI-Modelle und der Ausbau der Rechenkapazitäten verschlingen enorme Summen. Langfristige Ausgabenverpflichtungen können zur Belastung werden, wenn die Nachfrage hinter den Erwartungen zurückbleibt.
  • Abhängigkeit von Cloudpartnern: Anthropic benötigt die Infrastruktur großer Technologiekonzerne. Diese verfolgen zugleich eigene KI-Strategien, wodurch Interessenkonflikte entstehen können.
  • Starker Wettbewerb: Zahlreiche KI-Anbieter konkurrieren um Kunden und Fachkräfte. Technologische Fortschritte der Konkurrenz und sinkende Preise können das Wachstum und die Margen unter Druck setzen.
  • Fehler und rechtliche Risiken: Falsche Antworten, Sicherheitslücken oder der Missbrauch von KI können das Vertrauen der Kunden beschädigen. Hinzu kommen mögliche Rechtsstreitigkeiten und regulatorische Einschränkungen.
  • Begrenzter Einfluss für Aktionäre: Die im Börsenprospekt vorgesehene Struktur sichert den Gründern besondere Stimmrechte. Zusätzlich kann der Long-Term Benefit Trust die Mehrheit des Verwaltungsrats bestimmen. Die Interessen gewöhnlicher Aktionäre haben dadurch nur begrenztes Gewicht.
  • Schwierige Bewertung: Wie profitabel das Geschäft langfristig werden kann, hängt unter anderem von Rechenkosten, Wettbewerb und Zahlungsbereitschaft der Kunden ab. Eine Bewertung, die bereits starkes Wachstum voraussetzt, lässt wenig Spielraum für Enttäuschungen.

Fazit: Viel KI-Fantasie, hohe Erwartungen

Der Anthropic IPO bietet die Möglichkeit, in einen der bekanntesten Entwickler von künstlicher Intelligenz zu investieren. Mit Claude und Anwendungen wie Claude Code adressiert das Unternehmen einen Markt mit erheblichem Wachstumspotenzial. Dem stehen ein hoher Kapitalbedarf, intensiver Wettbewerb und die Unsicherheit gegenüber, wie profitabel das Geschäft langfristig werden kann.

Für Anleger, die an den langfristigen Einsatz von KI in Unternehmen glauben, dürfte der Anthropic Börsengang ein spannendes Ereignis sein. Entscheidend bleibt allerdings der Preis: Eine hohe Bewertung könnte bereits viel künftiges Wachstum vorwegnehmen und die Aktie anfällig für Enttäuschungen und starke Kursschwankungen machen.

Bis die konkreten Emissionsbedingungen feststehen, bleibt eine abschließende Einschätzung des Chance-Risiko-Verhältnisses offen.

Quelle: 
https://www.sec.gov/Archives/edgar/data/2130357/000162828026067168/anthropicpbc-sx1.htm

Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 27.10.2026 um 15:19 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.


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Tobias Krieg ist Chefanalyst bei LYNX Broker und Gründer von LongTerm-Value.
Er ist seit mehr als fünfzehn Jahren an der Börse aktiv, davon mehr als eine Dekade als leidenschaftlicher Vollzeit-Investor. Geprägt durch Vorbilder wie Charlie Munger, Peter Lynch und Bill Miller ist Value Investing der Grundsatz und Growth at a reasonable Price der Wahlspruch.
Denn auch gute Unternehmen können schlechte Investments sein. Ein attraktiver Einstiegskurs zum richtigen Zeitpunkt ist absolut entscheidend.

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