Börsenblick

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Netflix: Langsam kippt nicht nur der Chart, sondern auch die Stimmung

Netflix ist der weltweit wohl bekannteste Video-Streaminganbieter. Das Unternehmen bietet TV-Shows und Filme, darunter auch eine Vielzahl selbstproduzierter Serien, Dokumentationen und Spielfilme. Mitglieder haben die Möglichkeit, Streaming-Inhalte über eine Vielzahl von Geräten zu empfangen, vom klassischen TV, über Tablets bis hin zum Smartphone.

Die Gegner schließen sich zusammen

Wie ich bereits in der letzten Analyse und einem Artikel zu Disney ausgeführt hatte, bekommt Netflix langsam immer stärkere Konkurrenz. Amazon Prime Video ist hinlänglich bekannt.

Andere Vorgänge werden vielen Anlegern wohl entgangen sein.
Gemeinsam mit einigen der größten Content-Eigentümern hat sich eine breite Front gegen Netflix gebildet. Disney, Comcast und AT&T haben gemeinsam einen direkten Konkurrenten aufgebaut.
Der Umsatz von Hulu lag im Vorjahr bereits bei mehr als 2,0 Mrd. USD und die Zahl der Nutzer stieg um 40% auf 17 Millionen.

Disney war bisher der größte Contentpartner von Netflix und wird seine Inhalte zukünftig abziehen und nur noch selbst vertreiben.

Das sollte man nicht unterschätzen, denn Disney hat eine weitaus größere Bibliothek als Netflix und gibt auch mehr für Content aus.

Darüber hinaus hat man 21st Century Fox übernommen und die ebenfalls an Hulu beteiligte AT&T hat sich Time Warner gesichert. Immer mehr Content befindet sich im Feindeslager und es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis auch Comcast und AT&T die Inhalte abziehen.

Dieser Bereich war für Netflix aber der einzig profitable und hat die Eigenproduktionen mitfinanziert, denn dieses Business ist einfach. Man erhält Material und hat keine Herstellungskosten. Die Angebote werden gestreamt und die Erlöse teilt man sich mit den Eigentümern.

Bei den Eigenproduktionen sieht es allerdings anders. Man muss Milliarden investieren, um mitzuhalten. Zuvor ist aber unklar, ob eine Serie oder ein Film die Ausgaben auch wieder einspielt oder nicht. Und vor allem kommen die Einnahmen erst über Jahre hinweg und nicht sofort.

Am Ende könnte Netlifx wenig außer Eigenproduktionen bleiben. Mit jedem Partner der sich verabschiedetet, wird die Streaming-Bibliothek kleiner und der Service für die zahlenden Kunden unattraktiver.

Die Comcast-Tochter NBC plant gar einen Streaming-Service, der die Zuschauer bezahlt. Es klingt auf den ersten Blick absurd, könnte sich aber durch die Werbeeinnahmen refinanzieren.

Es gibt also durchaus handfeste Gründe, die gegen Netflix sprechen, ebenso wie es handfeste Gründe für das Unternehmen gibt.

Fundamentale Bewertung

Eine Einschätzung ist gar nicht so einfach, denn wie bewertet man ein Unternehmen, dass keinen Gewinn erzielt?

Warum der ausgewiesene Gewinn keiner ist, habe ich in der letzten Analyse ausführlich erklärt. Es ist aber äußerst simpel:
Gibt ein Unternehmen, so wie Netflix, in einem Jahr rund 14 Mrd. USD aus, nimmt aber nur 11,7 Mrd. USD ein, dann hat es keinen Gewinn gemacht. Buchhaltungstricks hin oder her.

Versucht man es mit dem Cashflow, sieht es nicht besser aus. Selbst der operative Cashflow ist negativ und dementsprechend natürlich auch der freie Cashflow.

Man muss die Lage nicht schwarzmalen, es sind die Aussagen und Prognosen des Vorstands selbst. Nachdem im Vorjahr fast 2 Mrd. USD mehr ausgegeben wurden, als eingenommen, sollen es in diesem Jahr rund 4 Mrd. USD werden.

Der erwartete Fehlbetrag oder Verlust wird in diesem Jahr also voraussichtlich bei 4,0 Mrd. USD liegen und der Umsatz bei rund 16 Mrd. USD.

Es fällt sofort auf, wie groß der Verlust auch im Verhältnis zu den Einnahmen ist.

Wie kann man das Unternehmen also bewerten? Da weder ein Gewinn noch ein positiver Cashflow anfällt, bleibt nur das KUV und das liegt aktuell bei 10 und im Hoch waren es 13.

Netflix gehört nach diesem Maßstab auch nach dem Kurssturz noch zu den 25 teuersten Unternehmen im S&P 500. Doch fast alle anderen Unternehmen in dieser Riege erwirtschaften enorme Gewinne und haben mit die höchsten Margen überhaupt. Oder sind ebenfalls gehypte Börsenstars.

Doch vielleicht ist Netflix schlichtweg nicht mit anderen Unternehmen vergleichbar und nur an sich selbst messbar? Versuchen wir auch das. In den Jahren 2008 bis 2012 lag das KUV fast durchweg unter 2 (!!!) und im Durchschnitt der letzten fünf Jahre lag der Wert bei 6,3. Trotz Kurssturz beträgt das KUV derzeit fast 10.

Es gibt also keinen Maßstab, wonach Netflix nicht teuer ist, nicht mal an sich selbst gemessen.

Es kam wie es kommen musste

In der letzten Analyse habe ich eindringlich vor den Gefahren bei Netflix gewarnt.

Zitat: Die Aktie ist „priced to perfection“, doch wehe dem Tag, an dem das Wachstum nachlässt.

Das Top vorauszusehen ist nahezu unmöglich, doch der Mechanismus ist am Ende immer der selbe:

  1. Es gibt valide Gründe, die für ein Investment sprechen
  2. Daher beginnen die Aktienkurse zu klettern
  3. Immer mehr kurzfristige Anleger steigen ein
  4. Die Stimmung wird immer besser, in Foren werden immer höhere Kursziele herumgereicht
  5. Es wird noch mehr gekauft, die Kurs steigen sprunghaft an
  6. Die Stimmung ist euphorisch erreicht den Siedepunkt. Der letzte Bär hat aufgegeben und die Aktie ist „priced to perfection“. Alle positiven Szenarien sind im Preis enthalten.
  7. Es kommt unweigerlich zu einer Enttäuschung
  8. Der Kurs bricht ein

Das gilt für den gesamten Aktienmarkt. Ebenso funktioniert es umgekehrt: Wenn die Stimmung am Boden ist und alle negativen Szenarien im Preis inkludiert, kann es nur noch positive Überraschungen geben.

Chance, Risiko und Hoffnung

Der Kurssturz zeigt, wie stark und schnell es abwärtsgehen kann, wenn die Kurse vor allem von Hoffnung und einer positiven Haltung der Anleger getrieben werden. Im Gegensatz zu Aktien von Unternehmen, die ihre Gewinne bereits im Hier und Heute erwirtschaften.

Es ist grundsätzlich nicht Schlechtes oder Verwerfliches, auf ein hohes Wachstum und zukünftige Gewinne zu wetten. Doch der Preis muss dennoch stimmen und das Chance-Risiko-Verhältnis im Auge behalten werden.
Bei Netflix überwog das Risiko die Chancen bereits seit Monaten und die Bewertung war einfach nicht zu rechtfertigen.

Charttechnischer Ausblick

Netflix hat ein Dopeltop bei 420 USD ausgebildet, welches nun das Chartbild belastet. Darüber hinaus wurde der seit Jahresbeginn anhaltende Aufwärtstrend durchbrochen. Unterhalb von 335 USD ist es zu einem Verkaufssignal mit einem möglichen Kursziel bei 300 USD gekommen.
Hier muss man sehen, ob wieder vermehrtes Interesse aufkommt. Weitere Anlaufstellen könnten bei 285 und 275 USD liegen.

Kurzfristig ist der Wert allerdings auch überverkauft und es könnte eine technische Gegenreaktion in Richtung 335 USD einsetzen. Hier könnte die Erholung bereits wieder ein Ende finden.

Gelingt hingegen eine Rückkehr über 335 USD, hellt sich das Chartbild wieder auf. In diesem Fall ist ein erneuter Anstieg in Richtung 355 USD wahrscheinlich.

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