Fehlsignale richtig traden

Wer kennt das nicht: Man wartet geduldig auf ein klares, charttechnisches Signal. Der „Punkt X“, ob es nun um einen Long- oder einen Short-Trade geht, ist klar im Kursbild auszumachen. Und dann, endlich, kommt der Ausbruch. Man reagiert blitzschnell, springt auf den Zug auf … und stellt konsterniert fest: Auf einmal geht es in die falsche, in die Gegenrichtung. Ein eigentlich doch eindeutiges und normalerweise zuverlässiges charttechnisches Signal hat sich gerade in Luft aufgelöst, ins Gegenteil verkehrt. Ein sogenanntes Fehlsignal ist entstanden. Was ist in solchen Fällen zu tun?

In solchen Fällen ist es nicht der gute Rat, der teuer ist, sondern eine falsche Reaktion. In diesem Artikel wollen wir ihnen Tipps an die Hand geben, um die Chance deutlich zu erhöhen, dass sie im Fall solcher Fehlsignale richtig reagieren und aus dem vermeintlichen Schaden in vielen Fällen sogar noch einen guten Gewinn machen können. Zunächst natürlich einmal die Frage: Was gilt überhaupt als „Fehlsignal“?

Definition: Was ist ein Fehlsignal?

Ein Fehlsignal ist die umgehende Eliminierung eines chart- oder markttechnisch basierten Kauf- oder Verkaufssignals. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn eine wichtige Widerstandslinie in einem Kursverlauf überwunden wird, dieser Ausbruch aber gleich am Folgetag eliminiert wird, indem der Kurs wieder unter diese Widerstandslinie zurückfällt und auch darunter schließt.

Fehlsignale bei Kaufsignalen werden gemeinhin als „Bullenfalle“ oder im englischen Sprachraum als „False Breakout Long“, bei Verkaufssignalen als „Bärenfalle“ oder „False Breakout Short“ bezeichnet. Sie können in jedem Markt und in jedem Zeitraster auftreten.

Der folgende Chart zeigt ein klassisches Beispiel für eine Bullenfalle:

Die Biogen-Aktie springt mit großem Schwung über ein vorheriges, markantes Hoch, das als Widerstand fungierte, fällt aber danach sofort und heftig zurück. In diesem sehr extremen Fall kam es dabei sogar zu einer Insel-Umkehr (Island Reversal), weil der Ausbruch über den Widerstand ebenso wie der Fall darunter jeweils mit einer Kurslücke vonstattenging, so dass diese beiden Tage oberhalb der wichtigen Charthürde sich wie eine Insel im Kursverlauf darstellen. Wie geht man damit um?

Erstes Gebot bei Fehlsignalen: Ruhe bewahren

Zunächst einmal darf man eines auf keinen Fall tun: trotzig die Stellung halten. Dazu neigen Trader vor allem dann, wenn ein Kauf- oder Verkaufssignal genau in ihre Meinung zum Markt hineinpasst. Wenn man im Vorfeld völlig davon überzeugt war, dass z.B. der Ausbruch der oben gezeigten Biogen-Aktie in jedem Fall erfolgen werde und das nur der Anfang einer großen Rallye sein wird, tut man sich schwer, eine Bullenfalle wie diese zu akzeptieren und richtig zu reagieren. Was gleich zu einer Regel führt, die nicht nur im Umgang mit Fehlsignalen entscheidend ist:

Entweder man ist Trader und agiert auf Basis chart- und markttechnischer Signale oder man ist es nicht. Wenn man aber die Chart- und Markttechnik als Richtlinie für seine Dispositionen wählt, haben subjektive Meinungen dabei nichts verloren, nur die Fakten zählen, die der Chart präsentiert.

Wie sollte man bei Fehlsignalen reagieren?

  1. Tritt ein solches Fehlsignal auf, gilt es erst einmal zu prüfen, ob es sich wirklich um ein Fehlsignal handelt oder ob man nicht vorschnell urteilt. Denn es gibt zahlreiche Möglichkeiten, in denen ein solches Fehlsignal nur im ersten Moment wie eines wirkt. Das ist ein entscheidender Aspekt, den wir uns im Folgenden anhand mehrerer Beispiele ganz genau ansehen werden.
  2. Danach gilt es, den möglichen Grund für das Fehlsignal herauszufinden. Findet sich ein Argument auf der Nachrichtenseite, durch eine Meldung, die die Rahmenbedingungen unerwartet auf den Kopf gestellt hat? Oder findet sich dort absolut kein Grund dafür? Das ist wichtiger, als man im ersten Moment denken würde – auch dazu gleich mehr.
  3. Das Ergebnis dieser beiden geprüften Aspekte führt zur eigenen Entscheidung: Entweder, man dreht die Position, folgt also der neuen Richtung des Kurses oder aber man bleibt sicherheitshalber zunächst neutral und wartet erst einmal ab, was sich da entwickelt. Eines aber kommt nicht infrage: Trotz eines erkannten Fehlsignals die in den Verlust laufende Position zu halten und sich auf das Hoffen zu verlegen, ist in jedem Fall ein Fehler!

Zweites Gebot: Genaue Prüfung der Situation

Zunächst gilt es also, sich genau zu orientieren: Ist es wirklich zu einem Fehlsignal gekommen oder interpretiert man das im ersten Moment nur so? Dazu einige Beispiele.

Der folgende Chart zeigt, dass es so aussieht, als wäre das Durchbrechen des markanten Tiefs der Nordex-Aktie vom November 2017 im März 2018 eine Bärenfalle … als wäre also ein klares Short-Signal plötzlich ins Gegenteil verkehrt worden. Aber wenn man sich diese Situation genau ansieht, stellt man fest:

Es war nie zu einem Schlusskurs unterhalb dieses vorherigen Tiefs gekommen, es hatte also auch kein Short-Signal vorgelegen. Dass kann und muss man vielmehr als erfolgreiche Verteidigung dieser durch das November-Tief definierten Unterstützung werten. Wer hier Short ging und dadurch massiv auf dem falschen Fuß erwischt wurde, hätte voreilig auf Basis von innerhalb eines Tages erzielten Tiefs gehandelt und müsste dementsprechend aus diesem Fehler die Konsequenz ziehen, die Short-Position sofort eindecken und bei einem solchen charttechnisch bullischen Signal auf die Long-Seite wechseln.

Unser nächstes Beispiel zeigt den Kursverlauf der Wirecard-Aktie. Wir sehen hier einen heftigen Abverkauf, der den Kurs durch eine kurzfristige Aufwärtstrendlinie und darüber hinaus auch noch knapp durch die 20-Tage-Linie drückte. Aber wer sorgsam hinsah erkannte, dass knapp unter dem Schlusskurs dieses Tages noch eine weitere, noch markantere Unterstützung in Form des Hochs vom Juni wartete. Ein Blick auf den Kalender hätte zudem enthüllt, dass Wirecard am Folgetag seine Quartalsbilanz präsentieren würde. Es wäre daher extrem gewagt gewesen, auf dieses scheinbare Short-Signal zu reagieren.

Unser drittes Beispiel zeigt den Verlauf der Euro/US-Dollar-Relation. Wir sehen hier eine Toppbildung, die vollendet wurde, indem ein absteigendes Dreieck nach unten verlassen wurde. Doch nachdem der Kurs zunächst entsprechend dieses stark bärischen Signals fiel, drehte er plötzlich und lief über die Nackenlinie dieser Toppbildung bzw. über die untere Begrenzung dieses absteigenden Dreiecks hinaus. Ein Fehlsignal auf der Unterseite, eine Bärenfalle?

Wenn, wäre es eine, die über das übliche Zeitraster der ganz kurzfristigen Ebene hinausgeht, denn immerhin ging es ja zunächst einige Tage lang abwärts. Aber wichtiger ist:

Zum einen hat der Euro/US-Dollar-Kurs nicht im „Nirgendwo“ gedreht. Die dicke schwarze Linie im Chart unten markiert eine in den November 2016 zurückreichende, auffällige Wendemarke bei 1,13. Auf Höhe dieser Unterstützung hat der Kurs zunächst gedreht. Dass solche Unterstützungen im ersten Anlauf halten, ist nicht ungewöhnlich. Zum anderen ist die kurzfristige, im Chart rot markierte Abwärtstrendlinie nahe. In einem solchen Fall, in dem diese Linie bereits mehrfach touchiert wurde, würde man diese als die relevantere Linie ansehen, was hieße: Erst, wenn auch diese Abwärtstrendlinie überboten würde, müsste man eine bestehende Short-Position aufgrund einer charttechnisch veränderten Gemengelage beenden und ggf. auf die Long-Seite wechseln.

Drittes Gebot: Genaue Prüfung der möglichen Motivation

Fehlsignale entstehen nicht immer nur deswegen, weil unerwartete Meldungen dazu führen, dass viele Akteure schlagartig ihre Positionen drehen. Sie können auch gezielt, mit voller Absicht, herbeigeführt werden. Das passiert vor allem auf der kurzfristigen Ebene, d.h. in Zeitrastern, die sich im Rahmen von ein, zwei Tagen, bisweilen auch nur innerhalb weniger Stunden abspielen.

Während eine Veränderung der Nachrichtenlage durchaus einen länger vorhaltenden Richtungswechsel nach sich ziehen kann, muss das bei solchen vorsätzlich herbeigeführten Fehlsignalen nicht der Fall sein, denn die zielen nur auf den unmittelbaren, kurzfristigen Effekt ab. In solchen Fällen würde man nur als risikofreudiger und gezielt kurzfristig agierender Trader über das Beenden der schiefgelaufenen Position hinaus auf den plötzlich in die Gegenrichtung fahrenden Zug aufspringen. Daher sollte man da genau hinsehen.

Was passiert bei „absichtlichen“ Fehlsignalen genau und warum? Sehen wir uns dazu zwei Beispiele an:

Anfang 2018 wurden beim DAX gleich zweimal vorherige Jahrestiefs nur ganz kurz unterboten, danach zog der Index sofort wieder an. Obwohl das Durchbrechen eines Jahrestiefs ein markantes Shortsignal ist, kam es nicht zu Anschluss-Verkäufen. Das deutet an, dass das Durchbrechen des jeweiligen, vorherigen Tiefs absichtlich erfolgte. Wieso?

Fehlsignale als „Trick“ großer Adressen

Wenn große Akteure am Terminmarkt große Positionen halten, ist es für sie schwierig, den Gewinn zu realisieren, ohne durch den Verkauf ihrer Long-Positionen oder das Eindecken ihrer Short-Positionen die Kurse selbst in die falsche Richtung zu bewegen. Das wäre besonders ungünstig, sofern sie vorhaben, nach dem Mitnehmen des Gewinns auch noch die Position zu drehen. Erklären wir das an diesem konkreten Beispiel:

Wenn man z.B. im DAX Future Short ist, muss man, um eine solche Position zu neutralisieren und den Gewinn mitzunehmen, dieselbe Zahl an DAX Futures kaufen, also Long gehen, um dadurch neutral zu werden. Die Differenz zwischen dem Niveau, auf dem man Short ging und dem, auf dem man Long ging, um sich neutral zu stellen, ist der Gewinn. Aber geht man Long, zieht man den Kurs ja dadurch nach oben, vor allem, wenn es um sehr große Positionen geht. Also greifen viele große Adressen immer mal wieder auf einen Trick zurück:

Sie gehen z.B. gezielt so massiv weiter Short, dass eine nahe gelegene Unterstützung, die womöglich ihr eigentliches Kursziel war, an dem sie auf Long drehen wollen, bricht. Das löst bei anderen Anlegern Stop Loss-Verkäufe aus. Die drücken den Kurs, in diesem Fall den des DAX, weiter. Und in diesen absichtlich herbeigeführten, zusätzlichen Verkaufsdruck hinein lässt es sich jetzt perfekt „eindecken“, also die Short-Positionen durch den Kauf von Long-Positionen neutralisieren. Denn der Druck, der durch die Stop Loss-Verkäufe entsteht, verhindert, dass die eigenen Käufe die Kurse höher treiben und der Wechsel auf die Long-Seite, der ja wiederum zusätzliche Käufe bedeutet, den DAX zu früh nach oben treibt. Dieser Wechsel auf Long wird dann aber meist so gestaltet, dass er dazu führt, dass die gebrochen scheinende Unterstützung wieder überboten wird … denn dann ist diese große Adresse nicht nur perfekt aus der Short-Position herausgekommen, sondern bringt Trader durch den Rebreak über die Unterstützung dazu, ebenfalls die Seiten zu wechseln und so unfreiwillig mitzuhelfen, die neue Long-Position sofort in den Gewinn zu tragen.

Das wirkt bei großen Märkten utopisch – wer hätte so viel Kapital, um derart zu agieren? Aber in der Tat gibt es reichlich große Hedgefonds, die nicht nur genau das könnten, sondern es auch immer mal wieder tun.

Dasselbe gilt für diesen vorstehenden Chart, der den Kursverlauf von Brent Crude Oil zeigt. Wobei man da einschränkend sagen müsste: Im Fall des zweiten unterbotenen, vorherigen Tiefs hätte man zwar auf diesen „false breakout short“ hin seine Short-Position eingedeckt, ein Wechsel auf Long wäre aber aufgrund der nahen Abwärtstrendlinie erst infrage gekommen, nachdem auch diese überwunden wurde.

Nutzen Sie den „Schwung-Effekt“ von Fehlsignalen!

Bei Fehlsignalen, die erkennbar mit Absicht ausgelöst wurden und keine Entsprechung auf der Nachrichtenseite haben, muss man sich genau überlegen, ob man über das sofortige Beenden der eigenen, falsch liegenden Position unbedingt auf die Gegenseite wechselt, denn solche gezielten „false breakouts“ haben manchmal eine sehr kurzfristige Reichweite. Anders sieht es aus, wenn es um einen Fehlausbruch über oder unter besonders wichtige charttechnische Marken geht, z.B. unter einen langfristigen Aufwärtstrend oder, wie im folgenden Chart des DAX, unter die 200-Tage-Linie. Werden solche Signale sofort zurückgenommen und damit zu einem Fehlsignal, können sie immense Schwungkraft entwickeln und Basis eines äußerst dynamischen und länger vorhaltenden Bewegung werden.

Denn solche kurzen Breaks unter wichtige Unterstützungen wirken, als würde sich die große Mehrheit der Investoren gegen die Konsequenzen eines durch den Bruch des Trends oder, wie in diesem Fall, der 200-Tage-Linie ausgelösten bärischen Signals stemmen. Ein kurzer Rutsch darunter, der sofort wettgemacht wird, hat oft eine noch stärkere Wirkung, als hätte der Kurs punktgenau an der Linie gedreht, also kein Fehlsignal geliefert.

Das wirkt auf viele Anleger immens motivierend, so dass in solchen Fällen ein umgehendes Drehen der eigenen, durch das Fehlsignal schief gelaufenen Position eine sinnvolle Entscheidung wäre, denn die Schwungkraft solcher Situationen kann immens sein und den Verlust, den man durch umgehendes, entschlossenes Handeln klein halten konnte, in einen großen Gewinn verwandeln.

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Das müssen Sie als Trader wissen!

  1. Die sechs wichtigsten Kaufsignale – Da muss man dabei sein
  2. Die fünf wichtigsten Verkaufssignale

Artikelserie: Die Technische Analyse – Lassen Sie Charts für sich arbeiten!

  1. Trends, Widerstände und Unterstützungen: Das Fundament jeder Analyse
  2. Trendwende- und Konsolidierungsformationen: Die wichtigsten Chartmuster in Trends
  3. Markttechnik: Mit diesen Indikatoren sind Sie komplett ausgerüstet
  4. Absicherung: Stoppkurse richtig setzen
  5. Candlestick-Charts: Was diese Charts alles können
Ronald Gehrt

Ronald Gehrt

Nach dem Abitur 1984 studierte der gebürtige Hamburger an der Universität der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss an seine Dienstzeit als Offizier begann seine Zeit als Analyst und Finanzjournalist. Seit 1996 war und ist er als Redakteur, Referent und Kolumnnist in zahlreichen Funktionen aktiv. Dabei versteht sich Gehrt als Allrounder, der in der fundamentalen, volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse ebenso sattelfest agiert wie im Bereich der verschiedenen Disziplinen der Technischen Analyse.

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