Behavioural Finance: Warum es gut ist, um die Ecke zu denken

Behavioural Finance ist die elegant klingende Bezeichnung für die „Lehre vom Verhalten der Marktteilnehmer“, um es grob in eine Formulierung zu setzen. Etwas anschaulicher ausgedrückt, ließe es sich so definieren: Hier treten die vielen, über die Jahrhunderte zusammen gekommenen Börsenweisheiten der alten Hasen gegen die Lehrbücher der Vergangenheit an.

Wie reagieren Menschen an der Börse?

Denn obwohl einem Investor die Erfahrung auch in früheren Zeiten hätte sagen müssen, dass die graue Theorie und die Realität nicht zusammenpassen, hat es diese Disziplin, in der es darum geht, den Akteuren in die Köpfe zu schauen, bis vor etwa dreißig Jahren einfach nicht gegeben.

Das Gegenteil war der Fall, denn die Börse wurde in starre Schemata gepresst, die sich nur zu oft als Unfug erwiesen, aber dennoch über Jahrzehnte so stur beibehalten und vermittelt wurden wie einst der Gedanke, die Erde sei eine Scheibe.

Den „homo oeconomicus“ gibt es nicht

Die alten Lehrbücher vertraten die These, dass jeder Marktteilnehmer alle zugänglichen Informationen kenne und anhand dieses Wissens agiere. Woraus folgt, dass die Kurse immer „korrekt“ sind und somit eine Aktie, ein Index oder ein Rohstoff immer richtig bewertet sein müssen, weil die Kurse nur das logische, objektive Resultat der Informationen seien, die für die Akteure von Belang sind. Dementsprechend handelt der Mensch immer rational und zugleich effizient, auf Basis objektiver Fakten.

Über eine solche Denkweise kann man heute nur lachen, aber sie wurde lange stur vertreten, obwohl mit Händen zu greifen war, dass das Gegenteil der Fall ist – und das Tag für Tag. Emotionen hatten in diesen Theorien vom „homo oeconomicus“, dem rationalen Anleger, ebenso wenig Platz wie gezielte Falschmeldungen oder auf reinen Annahmen beruhende Käufe und Verkäufe. Heute weiß man es besser. Aber natürlich hat diese modernere Sichtweise der Börse einen für Theoretiker unentschuldbaren Nachteil: Sie ist eine „weiche“ Wissenschaft, weil sie mit einem nicht vorhersehbaren Element arbeiten muss: mit der wahren Natur des Menschen.

Der, wie man eigentlich wissen sollte, alles andere als eine permanent rational und effizient agierende Kreatur ist. Das gilt ganz besonders dann, wenn es um Geld geht. Dann hört nicht nur, wie der Volksmund zu wissen glaubt, der Spaß auf. Auch der Verstand wird dann gerne an der Garderobe abgegeben.

Eine interessante Konsequenz aus der dämmernden Erkenntnis, dass der „homo oeconomicus“ genauso real ist wie der Wolpertinger (byrisches Fabelwesen) war der Versuch, die Chaos-Theorie auf die Börsenkurse anzuwenden, um auf diese Weise erklären zu können, dass es erklärbar sei, dass manche Dinge nicht erklärbar sind. Eine ulkige Idee. Aber mit „Behavioural Finance“ fährt man doch deutlich besser.

Ziel: Fehler anderer beobachten, um sie selbst zu vermeiden

Diese Disziplin könnte man auch als „Psychoanalyse des Anlegerverhaltens“ umschreiben, denn es geht darum zu beobachten, welche Fehler die Investoren immer wieder machen, um daraus zum einen zu erkennen, warum sich Anleger und damit die Kurse in bestimmten Situationen scheinbar irrational verhalten und zum anderen genau diese Fehler selbst zu vermeiden. Klassische Fehler, die man via „Behavioural Finance“ als immer wiederkehrend identifizieren kann, sind beispielsweise:

  • Das Ignorieren von Risiken, um Verluste nicht realisieren zu müssen
  • Entscheidungen per „Bauchgefühl“ bei unklaren Situationen statt ratsamer Neutralität
  • Extreme Kursbewegungen lösen Gier oder Panik aus, die Vernunft wird in den Hintergrund gedrängt
  • Viele Nachrichten können positiv ODER negativ interpretiert werden – die Anleger entscheidend dann über ihre persönliche Interpretation entsprechend der Ausrichtung des eigenen Depots.
  • Das Gefühl, in der Masse Sicherheit zu finden, d.h. dann richtig zu handeln, wenn man tut, was die meisten anderen auch tun.

Irrationale Verhaltensweisen können verblüffend lange vorhalten

Dass sich sehr viele Marktteilnehmer gar nicht darüber im Klaren sind, dass sie sich irrational verhalten und womöglich damit in eine verlustreiche Falle laufen, liegt vor allem am Herdentrieb. Da starke Kursbewegungen mitreißen und man sich, wenn man mitzieht, in der vermeintlichen Sicherheit der „Herde“ befindet, wird die Tatsache, dass die Kurse in die erhoffte Richtung laufen, mit dem Beleg verwechselt, dass diese Bewegung automatisch „korrekt“ sei. Da neigen viele also dazu, genauso zu denken, wie es die überkommenen, alten Lehrbücher behaupten.

Doch die im Folgenden gezeigten vier Beispiele sind nur einige von sehr vielen, die den Beweis erbringen, dass man da in der Regel falsch liegt. Auch, wenn das „dicke Ende“ bisweilen auf sich warten lässt. Alle vier Fälle unterstreichen eines erneut:

Den „homo oeconomicus“ gibt es nicht, es gibt nur Anleger, die mal mehr, mal weniger Spielball ihrer eigenen Emotionen sind. Wer sich dessen bewusst ist, kann vermeiden, in teure Fallen zu laufen. Wer das indes negiert, wiederholt dieselben Fehler ein ums andere Mal. Man hat also die Wahl – Basis der Erkenntnis ist dabei immer die Bereitschaft, eigenes Denken und Handeln zu hinterfragen. Sehen wir uns diese Beispiele mal an:

Ein Fall für „Behavioural Finance“: Vier Beispiele

Der folgende Chart zeigt die Bewegung des Goldpreises am Tag, als klar wurde, dass Donald Trump die US-Wahl gewonnen hat. Zunächst schoss Gold um über 65 US-Dollar nach oben, gab aber den kompletten Anstieg am Abend des Tages wieder ab. Beides war mit Trumps überraschendem Wahlsieg verbunden. Zuerst brach gelinde Panik aus, alle wollten in diesen vermeintlich „sicheren Hafen“ fliehen.

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Die Bewegung des Goldpreises nach dem Wahlsieg von Donald Trump

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Dann aber drehte die Stimmung, man verlegte sich darauf, Trumps Sieg positiv zu sehen und verkaufte ebenso entschlossen, wie man Stunden zuvor gekauft hatte. Eine völlig gegenteilige Handlung auf ein und dieselbe Nachricht – würde der „homo oeconomicus“ existieren, wäre das unmöglich gewesen. So aber siegte hier der Herdentrieb – und diejenigen, die Gold am Hoch massiv verkauften, weil sie verhindern wollten, dass an den Börsen Panik ausbricht, waren die Leitwölfe der Herde, die in dieser unklaren Situation blind folgte.

Das nächste Chartbild zeigt den plötzlichen Kursrutsch des Nasdaq 100-Index am 27. Juli 2017. Ein kleiner Abstieg im Gesamtkontext, der aber zum einen schlagartig und zum anderen sehr dynamisch vonstattenging. Wäre es wahr, dass alle Anleger über dieselben Informationen verfügen und gleichermaßen rational agieren, hätte es diesen Rutsch nicht gegeben.

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Kursrutsch des Nasdaq 100-Index am 27. Juli 2017

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Zu diesem Zeitpunkt lag im Index bei 6.000 Punkten die obere Begrenzung eines Trendkanals und runde Marken wie diese dienen für viele Anleger als Kursziel, bei dessen Erreichen Gewinne mitgenommen werden. Hätte man das mehrheitlich realisiert, hätte natürlich niemand nur vier Punkte unter dieser 6.000er-Marke noch gekauft. So aber wurden diejenigen, die diese bremsende Konstellation nicht erkannten oder ignorierten, unsanft auf dem falschen Fuß erwischt. Was unterstreicht:

Dass alle Anleger theoretisch über die gleichen Informationen verfügen, mag schon sein. Aber sie handeln deswegen noch lange nicht effizient und rational, da sie diese Informationen immer völlig subjektiv beurteilen oder sie gar, wenn sie nicht ins eigene Bild passen, ignorieren.

Beispiel Nummer 3 ist die im Nachhinein völlig verrückt wirkende Hausse bei Rohöl zwischen Anfang 2007 und Sommer 2008 – und der daran anschließende Crash. Damals fanden viele diese Hausse keineswegs verrückt, sonst wäre sie gar nicht erst entstanden. Das bemerkenswerte war, dass sie nicht auf einer steil anziehenden Nachfrage bei Rohöl basierte, sondern auf einer hysterischen Angst vor Hyperinflation.

Überall war zu hören, „echte Werte“ seien der einzige Schutz für das eigene Geld und Rohstoffe da ideal. Hätte man damals rational agiert, hätte man von vornherein zweifeln dürfen, dass eine solche Super-Inflation zustande kommt, während zugleich die Wirtschaft einbricht. Im Jahr 2007 hatte es zwar noch starkes Wachstum gegeben, aber schon da konnte man zumindest ahnen, dass die Spekulationsblase am Immobilienmarkt platzen muss und die Weltwirtschaft mitziehen wird.

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Die Rohöl Hausse von Anfang 2007 bis Sommer 2008

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Rohöl stieg ab Frühjahr 2008 gegen die konjunkturelle Entwicklung, dafür aber umso schneller, weil manch einer die hier steigenden Kurse und die zugleich fallenden Aktienkurse sah und sein Geld einfach dorthin umschichtete, wo die Kurse steigen. „Da wo es steigt, sind die anderen auch, also bin ich da sicher“, so der unterschwellige, rein emotional geprägte Gedanke.

Im Nachhinein verrückt, damals aber von nur wenigen rechtzeitig erkannt. Derart emotionale Bewegungen tauchen immer wieder auf – mit dem Blick hinter den Vorhang dessen, was in den Anlegern vorgehen muss, kann man sich solchen fatalen Entwicklungen entziehen.

Unser letztes Beispiel zeigt, dass manche Notenbank immer noch in den Strukturen überkommener Lehrbücher denkt und davon ausgeht, dass Menschen wie Maschinen berechenbar handeln. Tue ich X, reagieren sie mit Y. Falsch, wie der Chart zeigt:

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Die EZB drückt die Zinsen am europäischen Anleihemarkt

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Über Jahre hinweg drückte die Europäische Zentralbank die Zinsen am europäischen Anleihemarkt. Ziel: die Inflation ankurbeln. Das sollte gelingen, indem man die Zinsen so sehr drückt, dass die Bürger nicht mehr sparen, sondern ihr Geld ausgeben. Das würde das Wachstum ankurbeln und so die Möglichkeit für die Unternehmen bieten, die Preise zu erhöhen und so die erwünschte Inflation zu generieren. Dachte man zumindest bei der EZB. Sie sehen anhand dieses Verlaufs der Rendite für deutsche Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit (blau) und den Wachstumsraten im deutschen Bruttoinlandsprodukt (BIP, rot), dass dieser doch so logisch wirkende Plan nicht aufging:

Das Wachstum sprang nicht an – und so liegt die Inflation nach Jahren extrem aggressiver Notenbankpolitik immer noch klar unter der Zielzone. Der Grund: Der „homo oeconomicus“ tat nicht wie befohlen, sondern sagte sich, einer anderen, besseren Logik folgend: Warum soll ich mir Dinge kaufen, die ich mir sonst nicht kaufen würde, nur, weil jemand mir von außen meinen Zins nimmt und mich damit zu sinnlosen Käufen zu zwingen versucht!

Fazit:

Am Ende ist es immer der Mensch in seinen vielfältigen Stimmungen und mit seinen zahllosen individuellen Beweggründen, der an der Börse die Kurse bewegt. Um zu ergründen, warum manche Dinge passieren, die nicht logisch sind und andere wiederum doch auftreten, muss man in den Menschen hineinsehen und nicht in die alten Lehrbücher. „Behavioural Finance“ ist damit zwar eine „weiche“ Disziplin ohne starre, immer geltende Lehrsätze und entsprechend komplex und kompliziert. Aber sie ist immens spannend und für die, die sich eingehend damit befassen, auch überaus gewinnbringend!

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Ronald Gehrt

Ronald Gehrt

Nach dem Abitur 1984 studierte der gebürtige Hamburger an der Universität der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss an seine Dienstzeit als Offizier begann seine Zeit als Analyst und Finanzjournalist. Seit 1996 war und ist er als Redakteur, Referent und Kolumnnist in zahlreichen Funktionen aktiv. Dabei versteht sich Gehrt als Allrounder, der in der fundamentalen, volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse ebenso sattelfest agiert wie im Bereich der verschiedenen Disziplinen der Technischen Analyse.

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