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Brent Crude Oil Future: Historische Analysen der letzten 6 Monate

Portrait und Kursentwicklung: Brent Crude Oil Future
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Analysis

Drei Dinge braucht der erfolgreiche Verteidiger der Macht bei US-Wahlen: eine haussierende Wall Street, starkes Wirtschaftswachstum und niedrige Öl- und Benzinpreise. Damit wird dem Wähler suggeriert, dass a) die Regierung alles richtig macht und dass es b) alles noch viel besser wird.

Ein paar Erfolge im Bereich Außenpolitik können auch nicht schaden, was ein Grund sein dürfte, warum Donald Trump die Einigung mit Mexiko und Kanada forciert hatte, während er Europa und China auffällig auf die lange Bank schiebt. Da könnte es kniffliger werden, also geht er das lieber erst nach den Zwischenwahlen an, die heute in fünf Wochen anstehen.

Es passt alles für Mr. Trump. Zumindest, solange die Wall Street nicht kippt, was sie natürlich jederzeit könnte. Alles, bis auf die Sache mit den Öl- und Benzinpreisen.

Das hier im Chart abgebildete Brent Crude Oil ist zwar eine Ölsorte, die mit Masse für uns Europäer von Belang ist. In den USA geht es vor allem um WTI, um „Western Texas Intermediate“. Aber auch, wenn WTI niedriger notiert, derzeit bei knapp 76 US-Dollar liegt:

Auch dort steigt der Kurs. Auch dort wurden die bisherigen Jahreshochs vom Frühjahr und Sommer nicht nur knapp, sondern sehr deutlich überboten. Und man hat den Eindruck, dass die Bullen absichtlich einen höheren Gang eingelegt haben, seit Donald Trump unlängst zum zweiten Mal mit dem Finger auf die OPEC zeigte und verlangte, der Ölpreis habe zu sinken. Davon mal abgesehen, dass die USA mit Russland die Top Zwei der weltweiten Ölförderer stellen, fast Selbstversorger sind und der Finger somit – das aber wohl mit Blick auf die Wähler absichtlich – in die falsche Richtung zeigte:

Die Trader wissen, dass der US-Präsident am kürzeren Hebel sitzt. Er kann niedrigere Preise nicht befehlen. Und würde er wieder einmal drohen, die „strategischen Ölreserven“ freizugeben, er würde wohl Gelächter ernten. Schließlich müssten die zeitnah wieder aufgefüllt werden.

Und wenn er permanent von Super-Wachstum und noch viel mehr Wachstum in naher Zukunft redet, dürfte er sich eigentlich nicht beschweren, wenn die Investoren die daraus ableitbare steigende Nachfrage durch höhere Ölpreise vorwegnehmen. Wobei sich die Frage stellt, ob Trump glaubt, dass die Trader ihm bei solchen Sprüchen glauben. Aber bevor man zu oft um die Ecke denkt: Fakt ist, Brent Crude Oil und die anderen Ölsorten sind bullisch, wie es bullischer kaum geht.

Chart auf Wochenbasis vom 01.10.2018, Kurs 85,14 US-Dollar, Kürzel COIL

Der Ausbruch über die alten Hochs, über die Widerstandszone um 80/81 US-Dollar, verlief perfekt. Der Anstieg beschleunigt sich derzeit sogar. Und wer auf das längerfristige Chartbild auf Wochenbasis und dort auf den im Sommer 2017 etablierten Aufwärtstrendkanal blickt, sieht: Durch den kurzzeitigen Ausbruch aus diesem Kanal im Frühjahr ließe sich hier eine darüber liegende Parallele zeichnen, die dem Kurs Spielraum bis 90 US-Dollar geben würde.

Aber auch, wenn es jederzeit zu einem Rücksetzer, auch zu einem Pullback an den Ausbruchslevel 80/81 US-Dollar kommen kann, auch, wenn Brent Crude grundsätzlich in der Tat bei 90 UD-Dollar stoppen könnte: Die Erfahrungen der vergangenen zehn, fünfzehn Jahre haben gezeigt, dass die kurzfristigen Trader die Kursbildung dominieren und bei einem starken Trend kein Halten kennen. Es wäre daher auf keinen Fall auszuschließen, dass Brent Crude Oil diesen Trendkanal nach oben durchbricht, sprich „überschießt“. Hier gibt es im Moment zur Long-Seite keine Alternative!

Chart auf Tagesbasis vom 01.10.2018, Kurs 85,14 US-Dollar, Kürzel COIL

Wir hatten es zuletzt schon vermutet: Je näher die US-Zwischenwahlen am 6. November rücken, desto wichtiger wird es für die US-Republikaner und „ihren“ Präsidenten, optimale Rahmenbedingungen zu erzeugen, um sich des Beifalls und der Stimme so vieler Wähler wie möglich zu versichern.

Dazu gehören neben Wachstum und steigenden Aktienkursen auch niedrige Öl- und Benzinpreise. Die ersten beiden Faktoren sind derzeit noch im Lot, der Ölpreis aber keineswegs. Denn auch, wenn wir hierzulande mit gerunzelter Stirn auf die Zapfsäulen starren, haben wir in der Eurozone doch den Vorteil, dass der steigende Ölpreis durch den zum Euro schwächer gehenden US-Dollar abgeschwächt wird.

In den USA jedoch schlägt der Anstieg der Ölpreise voll durch. Und auch, wenn man sich dort mehr an der im Preis noch günstiger liegenden Ölsorte Light Sweet Crude orientiert: Der Ölpreis zieht bei allen Sorten an. Und für die US-Verbraucher ist ein US-Dollar eben ein US-Dollar, eine Abschwächung des Preisanstiegs durch Währungsverschiebungen gibt es dort nicht.

Und so kam es, wie es kommen musste: US-Präsident Trump forderte wieder einmal, die OPEC müsse die Ölpreise senken. Was publikumswirksam die Schuld anderen in die Schuhe schob, denn der massive Ausbau der US-Ölförderung bedingt, dass die eigenen Hersteller eine weit größere Rolle für die Preise in den USA spielen als die OPEC. Aber der Chart zeigt: Wer die Preise treibt und wer nicht, ist derzeit sekundär. Interessanter ist, dass Mr. Trump sie nicht bremsen kann, sondern die Trader ihm im Gegenteil die lange Nase zeigen.

Expertenmeinung: Was Mr. Trump überrascht haben dürfte. Denn als er dieselbe Forderung am 11. Juli stellte, brach der Ölpreis erst einmal ein, ging bis Mitte August in eine Konsolidierung über. Man traute sich nach dieser Forderung Trumps in Richtung OPEC nicht recht, umgehend wieder Long zu gehen, man wusste ja nicht, was Trump in der Hand haben könnte, um seine Forderung auch durchzusetzen.

Doch nachdem Brent Crude Oil und die anderen Ölsorten ab Mitte August nach und nach wieder anzogen, sich dem bisherigen Jahreshoch im hier abgebildeten Dezember-Future bei 80,52 US-Dollar annäherte, verfestigte sich der Eindruck: Er hat gar nichts in der Hand. Denn wäre es so, er hätte a) schon unterhalb der 80-Dollar-Marke für Druck sorgen können und b) diese Forderung nicht vergangene Woche erneuern müssen. Und damit werden die Trader jetzt mutiger.

Denn ebenso wie am Devisenmarkt agieren hier große Adressen, die es absolut nicht mögen, wenn Außenstehende versuchen, das Kursgeschehen zu beeinflussen. Die Bullen traten an, dem US-Präsidenten klar zu machen: so nicht. Und der Wochenstart zeigt, dass das mit Erfolg geschah:

Das bisherige Jahreshoch wurde überboten. Noch aber sollten die Bullen den Champagner nicht öffnen, dieser Ausbruch nach oben ist noch nicht signifikant. Daher wäre es unbedingt ratsam, sich nach unten konsequent eng abzusichern. Wobei das Chartbild dies leicht macht, denn der doppelte Leitstrahl aus der kurzfristigen Aufwärtstrendlinie und der 20-Tage-Linie bei aktuell 77,70 US-Dollar drängt sich als Orientierung für einen Stop Loss förmlich auf.

Chart vom 24.09.2018, Kurs 80,66 US-Dollar, Kürzel COIL

Die letzten drei wöchentlichen Statistiken über die US-Öllagerbestände wiesen allesamt einen Rückgang aus. Das war Wasser auf die Mühlen der Bullen, denn dieser scheinbare Anstieg auf der Nachfrageseite kam zum rechten Zeitpunkt. Dadurch gelang es, den zuvor wochenlang abrutschenden Ölpreis genau oberhalb der Supportlinie bei 70 US-Dollar, gebildet durch die Hochs der Monate Januar und März, abzufangen und in eine Rallye zu überführen.

Der erste Versuch, das bisherige Jahreshoch bei 81 US-Dollar anzugehen und zu überwinden, wurde zwar noch unterhalb der vorgelagerten Widerstandslinie um 80,25 US-Dollar (die Hochs der Monate Juni und Juli) abgewiesen. Aber es gelang, ein Zeichen zu setzen, das den Marktteilnehmern deutlich macht, dass das Ziel neuer Jahreshochs weiter verfolgt wird und man im bullischen Lager imstande und bereit ist, das durchzusetzen. Der Kurs drehte in der vergangenen Woche oberhalb der nächstgelegenen Unterstützung in Form der 20-Tage-Linie nach oben und zog am Dienstag im Vorfeld der nächsten, heute anstehenden US-Lagerbestandsdaten kräftig an. Damit ist klar:

Expertenmeinung: Die Bullen wollen den Ausbruch nach oben. Sollten die heutigen US-Lagerdaten einen erneuten, deutlichen Rückgang für die letzte Woche zeigen, könnte die Widerstandszone 80/81 US-Dollar bereits ernsthaft angegangen werden. Erwartet wird seitens der Analysten im Schnitt ein Minus von 0,85 Millionen Barrel. Das wäre nicht allzu beeindruckend, aber erfahrungsgemäß sind diese wöchentlichen Daten kaum vorhersagbar – es wird also spannend, um 16:30 Uhr steht die Veröffentlichung an. Aber auch, wenn aus charttechnischer Sicht momentan alles zu Gunsten eines Ausbruchs nach oben spricht, ein Unsicherheitsfaktor begleitet die Trader auf der Long-Seite in diesen Wochen: der US-Präsident.

In acht Wochen stehen die „Midterm Elections“ an. Und einen kräftigen Anstieg der Ölpreise können die regierenden Republikaner da ebenso wenig gebrauchen wie eine wankende Wall Street. Mr. Trump hatte schon im Juli vehement gefordert, dass die Ölpreise zu sinken hätten. Das sorgte für einen kräftigen Abverkauf bei Brent Crude Oil, der zwar, wie man sehen kann, nicht vorhielt. Doch bei derartig nervösen Märkten und der zentralen Rolle des US-Präsidenten im Nachrichtenbereich kann man daraus nicht ableiten, dass die Akteure eine Erneuerung seiner Forderung nach niedrigeren Ölpreisen ignorieren. Ein Stop Loss knapp unter der bei Brent Crude derzeit bei 75,80 US-Dollar verlaufenden 20-Tage-Linie wäre in jedem Fall zu überlegen.

Chart vom 11.09.2018, Kurs 79,07 US-Dollar, Kürzel COIL

Das lief perfekt für die Rohöl-Bullen: Der ein Jahr währende Aufwärtstrend war zwar schon gebrochen. Aber noch hatten die Verteidiger der Rohöl-Hausse bei Brent Crude Oil einen doppelten Trumpf im Ärmel: Die Kreuzunterstützung aus dem markanten Hoch des Januars und der 200-Tage-Linie im Bereich um 70 US-Dollar. Und diese Unterstützung hielt, mit Rückenwind von gleich zwei Aspekten: Der US-Dollar gab nach, was meist durch einen steigenden Ölpreis kompensiert wird.

Und die zuletzt öfter überraschend stark gestiegenen Rohöl-Lagerbestände in den USA waren in den vergangenen zwei Wochen wieder gesunken und deuteten so eine anziehende Nachfrage an. Dass die unmittelbare Nachfrage und die Lagerbestands-Veränderungen nicht zwingend zusammenhängen müssen, weiß man zwar. Aber natürlich war das dem bullischen Lager in diesem Fall egal: Brent Crude Oil zog dynamisch an. Und schon kommt das bisherige, mehrjährige Hoch bei 81,02 US-Dollar in Reichweite. Sind die Bullen jetzt noch zu bremsen?

Expertenmeinung: Möglich ist das. Momentan hat die Käuferseite aber in der Tat die besseren Karten. Die Unterstützung eines schwachen US-Dollars kann sich fortsetzen, weil der als Export-Stütze so kurz vor den US-Zwischenwahlen wichtig ist, vor denen die Regierung unbedingt ein starkes Wachstum im dritten Quartal präsentieren will. Und dass steigende Ölpreise das Wachstum ausbremsen können, wird gerne ignoriert, wenn der Trend nach oben weist. Dann schaut man nicht auf die steigenden Kosten, sondern auf den angeblichen Auslöser der anziehenden Kurse in Form einer ein starkes Wachstum suggerierenden, zunehmenden Nachfrage. Dass die faktische Nachfrage und der von Trading stark beeinflusste Börsenkurs hier ebenso wie bei allen Rohstoffen nicht parallel laufen müssen, ist ebenso ein Aspekt, der die Trader wenig stört: Wenn ein Argument gut klingt und ihnen in den Kram passt, tragen sie es wie einen Schild vor sich her.

Aber einer könnte diese Rallye noch vor einem Break über das bisherige Hoch stoppen: der US-Präsident. Denn starkes Wachstum und eine intakte Aktien-Hausse sind der Regierung bei Wahlen immer dienlich, günstige Benzinpreise aber ebenso. Und während der fallende US-Dollar den Anstieg des Ölpreises im Rest der Welt dämpft, schlägt er in den USA voll durch. Gut möglich also, dass die Bären Schützenhilfe bekommen, wenn Donald Trump, nicht zum ersten Mal und bisweilen mit Erfolg, lautstark niedrigere Ölpreise fordert. Aber erst, wenn Brent Crude Oil durch die 70 US-Dollar-Supportzone gerutscht ist, würden Short-Trades hier ein gutes Chance/Risiko-Verhältnis aufweisen.

Chart vom 30.08.2018, Kurs 77,86 US-Dollar, Kürzel COIL

Zwei Dinge spielten den bärischen Tradern am Rohölmarkt zur Wochenmitte in die Karten: Ein überraschender Anstieg der wöchentlich veröffentlichten Rohöl-Lagerbestände der USA und ein zu zahlreichen Währungen kräftig steigender US-Dollar. Ersteres beginnt langsam zur Gewohnheit zu werden. In drei der letzten fünf Wochen stiegen die US-Lagerbestände kräftig an, während es in den zwei Monaten zuvor zu tendenziell stark sinkenden Beständen kam, die andeuteten, dass die Nachfrage deutlich anzieht. Das sieht jetzt anders aus – ein Argument für die Bären. Aber eben nicht das einzige. Wie viele Rohstoffe weisen auch die verschiedenen Rohöl-Sorten eine enge Korrelation zum US-Dollar auf. Steigt der, wird das oft durch einen fallenden Ölpreis ausgeglichen.

Da alle Rohstoffe in US-Dollar fakturiert werden, werden die Schwankungen der Währung so ausgeglichen. Während sich dann ein fallender Ölpreis für US-Bürger positiv auswirkt, egalisiert sich der Kursabstieg des Rohöls im Rest der Welt, weil zugleich der US-Dollar teurer wird. Was auch der Grund ist, warum bei uns kaum etwas von dem von fünf Wochen begonnen Abstieg des Ölpreises an der Tankstelle ankommt. Sollte indes die jetzt angesteuerte Unterstützung bei Brent Crude Oil fallen, würde sich daraus mittelfristig Abwärtspotenzial von fast zehn US-Dollar ergeben. Das würde der US-Dollar wohl kaum kompensieren. Sind also endlich billigere Spritpreise in Sicht?

Expertenmeinung: Die Chance wäre groß, falls Brent Crude Oil klar unter 69,80 US-Dollar schließen würde. Sie sehen im Chart, dass der Ölpreis mit dem gestrigen Minus, gedrückt durch einen kurzfristigen Abwärtstrend, eine Flaggenformation nach unten verlassen hat. Das wäre bereits klar bärisch, wäre da nicht unmittelbar darunter diese markante Unterstützungslinie bei 69,80 US-Dollar, die sich aus den beiden Zwischenhochs der Monate Januar und März zusammensetzt. Es ist wahrscheinlicher, dass versucht wird, diese Linie zu verteidigen als dass man bereit wäre, die Bären einfach durchzuwinken.

Aber sollte der US-Dollar weiter zulegen, sollte sich die Sorge verstetigen, dass die zahlreichen Konflikte, die derzeit herrschen, eskalieren und das weltweite Wachstum ausbremsen, kann diese Auffanglinie schnell und deutlich gebrochen werden. Dann wäre auch ein kräftiger, schneller Selloff keine Überraschung, der, zumindest Richtung Spätherbst, durchaus die Chance böte, dass Brent Crude Oil sich in den Bereich des bisherigen, im Februar erreichten Jahrestiefs bei 60,87 US-Dollar orientiert.

Chart vom 15.08.2018, Kurs 70,73 US-Dollar, Kürzel COIL

Anfang Juli sah es noch so aus, als sei alles Hoffen auf günstiges Heizöl Richtung Herbst vergebens. Brent Crude Oil und die anderen wichtigen Rohölsorten brachen eine Korrektur ab und näherten sich im Eiltempo den im Mai markierten Jahreshochs, die bei Brent bei 80,80 US-Dollar lagen. Nicht zuletzt deswegen, weil aus der Erwartung, dass die OPEC ihre Fördermengenbegrenzung beenden und den Ölhahn aufdrehen würde, nur eine halbherzige Entscheidung wurde, die das Angebot kaum verstärken wird.

Hinzu kamen Förderausfälle in großen Fördernationen und die Sorge, eine Eskalation der Streitigkeiten zwischen den USA und dem Iran würde Förderung und Transport von Rohöl behindern. Und, wichtiger noch: Die wöchentlich mittwochs veröffentlichten Rohöl-Lagerbestände der USA fielen mehrere Wochen lang immer schneller. Doch der Ausbruch über die Mai-Hochs wurde abgewehrt. Und damit steigt die Chance sukzessive, dass es mit der Abwärtswende des sich seit Ende Juni 2017 in der Spitze fast verdoppelten Ölpreises doch noch etwas wird.

Interessant war, dass der initiale Selloff am 11. Juli entstand, weil Donald Trump die OPEC aufforderte, umgehend für niedrigere Ölpreise zu sorgen, ansonsten werde er die strategischen US-Ölreserven anzapfen, um den Preis zu drücken. Das war zwar eine auf Dauer substanzlose Drohung, aber es schien zu reichen, den Bullen die Courage zu nehmen. Danach sahen wir in zwei der letzten drei Wochen wieder steigende US-Öllagerbestände.

Und natürlich hätten die Bären das Argument, dass eine Eskalation des Handelskriegs das weltweite Wachstum beschneiden und damit auch auf die Ölnachfrage drücken würde. Und gerade das erhält durch die am Dienstag aufgetauchte Drohung des US-Präsidenten Substanz, die nächste, Ende August fällige Welle an Strafzöllen gegen China mit einem Warenvolumen von 200 Milliarden US-Dollar nicht wie vorher im Raum stehend mit 10, sondern mit 20 bis 25 Prozent Einfuhrzoll zu versehen. Am Mittwoch nach US-Handelsende meldeten die US-Medien, Trump habe dies dem Handelsministerium in der Tat als „zu prüfend“ auf den Weg gegeben.

Das führte dazu, dass eine ohnehin nicht gerade schwungvolle Gegenbewegung der zwei Wochen zuvor genau auf Höhe der 20-Tage-Linie abgewiesen wurde und in zwei Tage mit kräftigen Abgaben mündete. Das deutet an, dass die bärischen Trader derzeit das Geschehen dominieren. Aber die entscheidenden Unterstützungen, um aus charttechnischer Sicht auf der Short-Seite wirklich bedeutendes Gewinnpotenzial zu erreichen, stehen noch bevor. Sie sehen es im Wochenchart: Die aus dem Juni 2017 stammende Aufwärtstrendlinie wäre zur Wochenmitte gebrochen, noch aber könnte sich Brent Crude natürlich bis Freitag wieder über diese Linie bei 74,70 US-Dollar retten. Die mittelfristig wichtigere Zone liegt aber darunter:

Chart vom 01.08.2018, Kurs 72,49 Punkte, Kürzel COIL

Die Kreuzunterstützung aus dem Januar-Hoch und der 200-Tage-Linie im Bereich 69/70 US-Dollar müsste fallen. Dann wäre der Weg aus charttechnischer Sicht erst einmal frei, dann hätten die Bären ein Primär-Kursziel bei 61 und ein Sekundärziel bei 57 US-Dollar. Das wäre, wenn die aggressive US-Handelspolitik fortgesetzt wird, durchaus eine realistische Zielzone, sobald sich in den Konjunkturdaten erste „Scharten“ durch Trumps Kollisionskurs auftun. Aber dem vorzugreifen wäre gewagt: Erst unter 69 US-Dollar wären Short-Trades, die über kurzfristiges Trading hinausgehen, mit einem tauglichen Chance/Risiko-Verhältnis ausstaffiert.

Chart vom 01.08.2018, Kurs 72,49 Punkte, Kürzel COIL

Man mag es nicht glauben: Die Liste an Argumenten für steigende Rohölpreise ist lang. Aber der Kurs bricht förmlich weg, steuert auf eine charttechnisch perfekte Abwärtswende zu. Wo gibt es denn so was? Am Ölmarkt ist das, wie alte Hasen wissen, nichts Neues. Wie oft schon haben z.B. massiv gefallene Lagerbestände, die eine deutlich anziehende Nachfrage andeuten, für wenige Minuten zu Käufen und dann zu einem Selloff geführt und umgekehrt. So wie vergangenen Mittwoch, als mit -12,6 Millionen Barrel der größte Rückgang der US-Lagerbestände seit fast zwei Jahren gemeldet wurde.

Statt zu steigen, fiel der Ölpreis über fünf US-Dollar, konsolidierte kurz und fiel am Montag erneut über drei US-Dollar … in wendeverdächtiges Terrain. Dabei hatte man doch kurz zuvor die OPEC-Beschlüsse als zu schwach angesehen, um den Kurs zu drücken. Dabei würden Förderausfälle in Kanada, Venezuela und Libyen und der Druck auf den Iran den Preis eigentlich stützen. Wie kann Brent Crude Oil, die Ölsorte, die Hand in Hand mit den anderen fiel und hier im Chart abgebildet ist, dann so wegrutschen? Zwei Argumente hätte das bärische Lager schon:

Expertenmeinung: Die vergangene Woche lancierten Drohungen des US-Präsidenten, die Liste an Strafzöllen gegen China noch deutlich zu erweitern, schüren die Befürchtung, dass das weltweite Wachstum schnell und deutlich unter Druck geraten würde, sollte diese Entwicklung so weitergehen. Und zudem verkündete Donald Trump, nötigenfalls wolle er die strategischen Ölreserven der USA anzapfen, um den Preis zu drücken, wenn die OPEC nichts unternimmt.

Ob das nur leere Worte sind, ob der Handelskrieg weiter eskaliert, eigentlich kann man es nicht wissen. Und dass Wladimir Putin gestern im Zuge seiner Pressekonferenz mit Trump betonte, Russland sei an einem stabilen Ölpreis interessiert, um rentabel produzieren zu können, was auch für die USA gelten müsste, sollte den Abverkauf eigentlich gebremst haben.

Aber gerade am Ölmarkt geben die Trader den Ton an. Und dieser Ton erklingt derzeit eben in Moll, spielt eine Melodie a la Baisse. Sich da die Haare ob eines so unlogisch wirkenden Impulses zu raufen ist nicht zielführend, sich den Chart jetzt ganz genau anzusehen hingegen schon. Wenn Brent Crude Oil die jetzt erreichte, mehrfach in ihrer Relevanz bestätigte Trendlinie bei 72 US-Dollar bricht und darüber hinaus noch unter das markante Zwischenhoch vom Januar bei 69,46 US-Dollar rutscht, wäre das die Vollendung einer Trendwende, die darüber hinaus auch noch in Form eines formvollendeten Doppeltopps daherkäme und allemal die Chance böte, dass Brent Crude recht schnell in die Region um 60 US-Dollar zurücksetzen würde.

Chart vom 16.07.2018, Kurs 72,14 US-Dollar, Kürzel COIL

Freie Bahn für die Bullen am Rohölmarkt. Ob Donald Trump das wundern wird? Der hatte im Vorfeld des OPEC-Treffens vor anderthalb Wochen gefordert, die Organisation möge die Förderung deutlich erhöhen, denn die Ölpreise seien zu hoch und die OPEC, natürlich, daran schuld. Jetzt mag er sich wundern, dass der Ölpreis nicht fällt, sondern steigt, nachdem die OPEC die Fördermengenbegrenzung zumindest aufgeweicht hatte. Doch das hat gleich drei handfeste Gründe. Zum einen zeigt der Chart, dass Brent Crude Oil im Vorfeld der OPEC-Entscheidung (am 22. Juni) bis zu zehn Prozent vom vorherigen Jahres-Verlaufshoch (80,29 US-Dollar) gefallen war. Viele hatten also vorher schon auf eine Ausweitung der Förderung gesetzt. Da die Entscheidung sehr vage ausfiel, indem man „prinzipiell“ zwischen 600.000 und einer Million Barrel pro Tag mehr fördern will, was aber im Höchstfall ein leichtes Überschreiten der vorherigen Höchstgrenze bedeutet, weil diese so gut wie nie ausgelotet wurde, war das kein Argument für weitere Verkäufe. Dafür aber eine Chance für die Bullen. Dass das Angebot weniger steigen würde, als die meisten im Vorfeld erwartet hatten, war eine offene Flanke derer, die dachten, OPEC-Sitzung würde der Startschuss sein, um die ein Jahr alte, mittelfristige Aufwärtstrendlinie zu brechen. Und dann kamen am Mittwoch vergangener Woche auch noch die wöchentlich veröffentlichten Öl-Lagerbestände aus den USA:

Expertenmeinung: Die Lagerbestände waren in der Woche, in der die OPEC diese nur höchst magere Fördermengenerweiterung entschied, massiv gefallen. Der Rückgang der Lagerbestände um 9,9 Millionen Barrel war der größte wöchentliche Rückgang seit August 2016. Weit mehr als im Vorfeld erwartet und der dritte deutliche Rückgang in Folge – mit zunehmender Intensität. Magere Ausweitung der Förderung, geplatzte Spekulation auf das Gegenteil und eine scheinbar deutlich anziehende Nachfrage – diese drei Argumente reichten, um den Kurs in der vergangenen Woche rapide ansteigen zu lassen. Dass gerade die nicht der OPEC angeschlossenen USA ihre Fördermenge immer höher schrauben und sich das seit Trumps Amtsantritt noch beschleunigt hat, wäre zwar ein Argument dafür, dass der Anstieg des Ölpreises begrenzt sein müsste. Aber meist siegen die Trader und ihre charttechnische Orientierung über faktische Veränderungen von Angebot und Nachfrage. Daher wäre es nicht überraschend, wenn der jetzt in Schlagdistanz gekommene Widerstand bei 80,29 US-Dollar mit relativ viel Schwung überwunden würde … zumal ein Sprung über 80 US-Dollar Brent Crude Oil in eine Zone tragen würde, in der die nächste potenzielle Widerstandsmarke zwar bei 88 US-Dollar läge (das Jahrestief 2012), diese aber schon so lange zurückliegt, dass sie einen Anstieg keineswegs zwingend aufhalten müsste.

Chart vom 29.06.2018, Kurs 79,23 US-Dollar, Kürzel COIL

Ein Plus von 3,4 Prozent als Reaktion auf die Entscheidung der OPEC, die Fördermengen wieder anzuheben? Haben sich die Trader da in der Richtung vertan? Durchaus nicht. Diese Reaktion ist gar nicht so unlogisch, wie sie scheint. Und wenn das bullische Lager jetzt dranbleibt, könnte es ihm gelingen, die Bären vor sich herzutreiben, das bisherige Jahreshoch bei Brent Crude Oil anzulaufen und womöglich sogar zu überbieten. Wieso? Weil die Marktteilnehmer ja längst damit gerechnet hatten, dass die OPEC bei ihrem Treffen in Wien die Fördermengenbeschränkung aufweichen, vielleicht sogar komplett beenden würde. Das war ein entscheidender Grund, weshalb die Rallye von Brent Crude, die im Mai kurzzeitig sogar über 80 US-Dollar pro Barrel geführt hatte, beendet wurde und in eine Korrektur überging. Die Erwartung war, dass diese vermuteten Maßnahmen der OPEC die Angebotsseite wieder deutlich stärken und damit den Preis deutlich und vielleicht auch nachhaltig drücken würden. Man hat also bereits im Vorfeld auf ein Ereignis reagiert. Das alleine kann gerne mal zum Bumerang werden. Vor allem aber, wenn dieses Ereignis dann so nicht eintritt. Denn was die OPEC beschloss, wirkte eher dünn:

Expertenmeinung: Eine „prinzipielle“ Anhebung der Fördermenge, wobei man eine Range von 600.000 bis eine Million Barrel pro Tag in den Raum stellt, ohne konkret zu werden, das war alles, was an Beschlüssen zu hören war. Das ist eine Größenordnung, die das bisherige Limit der Fördermengenbeschränkung nicht oder nur geringfügig überschreiten würde, denn dieses Limit wurde selten erreicht, während dieser „Deckel“ galt. Eine nennenswerte Verschiebung der Angebot/Nachfrage-Relation entsteht daraus nicht, darin sind sich die Experten einig. Kein Wunder also, dass Bären blitzschnell ihre Short-Positionen eindeckten, bevor vom Gewinn nicht mehr übrig bleibt und kurzfristige Trader auf die Long-Seite wechselten. Noch ist mit der Rallye des Freitags weder die 20-Tage-Linie bei 75,50 US-Dollar noch die kurzfristige Abwärtstrendlinie bei derzeit 75,90 US-Dollar überwunden. Aber sollte das heute oder in den kommenden Tagen der Fall sein, wäre die große Abwärtswende durch den Bruch der bereits ein Jahr alten Aufwärtstrendlinie (70,60 US-Dollar) und des Januar-Hochs bei 69,46 US-Dollar erst einmal vom Tisch und der Weg an – und womöglich auch über – die 80 US-Dollar-Marke aus charttechnischer Sicht frei.

Chart vom 22.06.2018, Kurs 75,32 US-Dollar, Kürzel COIL

Sie möchten mehr über das Thema erfahren? Dann lesen sie unseren Artikel: Die besten Öl-Aktien.

Am Freitag kommt die OPEC in Wien zu ihrem turnusmäßigen Treffen zusammen. Man vermutet in Kreisen der Beobachter, dass man dort die Aufweichung, womöglich sogar die Beendigung der Fördermengenbegrenzung beschließen wird, die installiert wurde, um die schwachen Ölpreise zu stabilisieren und auf für die OPEC-Staaten wieder einträglichere Levels zu heben. Angesichts eines Preises, der zuletzt bei der Ölsorte Brent die 80 US-Dollar-Marke touchierte, bestünde diese Notwendigkeit nicht mehr. Und eine begrenzte Fördermenge bei den OPEC-Staaten, während Nicht-OPEC-Länder ihre Förderung wegen der starken Preise massiv ausbauen, das ist ein Szenario, das der OPEC natürlich nicht recht sein kann. Aber ob eine solche Entscheidung, sollte sie fallen, den Kurs nachhaltig beeinflussen wird? Faktisches Angebot und Nachfrage sind beim Ölpreis eine Sache, die Aktivitäten der Trader indes eine ganz andere. Zumal: Obwohl gerade die USA ihre Ölförderung zuletzt massiv hochgefahren hat, fielen die US-Lagerbestände lange Zeit nahezu jede Woche, bis sich seit Ende März eine Art „volatiles Gleichgewicht“ eingestellt hat. Das würde nicht dafür sprechen, dass eine Lockerung der eigenen Mengenbeschränkung durch die OPEC ausreicht, um den Aufwärtstrend zu brechen.

Expertenmeinung: Das sehen derzeit auch viele Analysten so … aber könnte es nicht gerade deswegen zu einem „unverhofft-kommt-oft“-Effekt kommen? In der Tat. Sollten allzu viele Akteure sich entgegen den Indizien im Chartbild sicher sein, dass die mittelfristig entscheidenden Unterstützungen schon halten werden, könnte deren Bruch einen heftigen Abverkauf durch auf dem völlig falschen Fuß erwischte Bullen nach sich ziehen. Denn dass die bärischen Trader derzeit bereits eine gewisse Dominanz am Markt haben, erkennt man daran, dass es seit Ende Mai ein ums andere Mal gelingt, Brent Crude Oil an der mittlerweile abwärts gedrehten 20-Tage-Linie nach unten abzuweisen. Und damit rutscht Brent Crude sukzessive näher an die Kreuzunterstützung, deren Bruch aus charttechnischer Sicht das Ende der massiven Rohöl-Hausse, in deren Verlauf sich der Kurs zwischen Juni 2017 und Mai 2018 nahezu verdoppelt hatte, einläuten würde. Dieser neuralgische Bereich besteht aus dem markanten Hoch aus dem Januar bei 69,67 US-Dollar und der Juni 2017-Aufwärtstrendlinie bei 70,10 US-Dollar. Schließt Brent Crude Oil klar darunter, wäre das ein immens bärisches Signal. Aber erst einmal muss es dazu kommen – die OPEC-Sitzung am Freitag könnte da entscheidend werden.

Chart vom 15.06.2018, Kurs 73,44 US-Dollar, Kürzel COIL

Ein Minus von drei Prozent zum Wochenschluss, das nicht nur die gesamte Handelswoche negativ färbte, sondern auch das Plus der vorangegangenen Woche komplett eliminierte … und das auch noch, nachdem Brent Crude Oil zuvor die runde Marke von 80 US-Dollar erreicht hatte und dort offenbar auf Abgabedruck stieß: Das wirkt, als wäre diese Rohöl-Hausse vorbei. Aber das muss keineswegs sein, noch sehen wir hier nichts anderes als einen Rücksetzer, der den Kurs knapp unter die 20-Tage-Linie als nächstgelegene charttechnische Unterstützung geführt hat. Diese 20-Tage-Linie fungiert schon seit vergangenem Sommer als Leitstrahl des Aufwärtstrends. Und Sie sehen im Chart: Ein leichtes Unterbieten dieser Linie ist in dieser Zeit mehrfach aufgetreten, ohne dass das ausgereicht hätte, um den Trend zu brechen, ausgenommen einmal, im Februar. Eine nennenswerte Korrektur, deren Ziel die Kreuzunterstützung aus der mittelfristigen Aufwärtstrendlinie und den Monatshochs vom Januar und März im Bereich 69/70 US-Dollar wäre, bräuchte Argumente. Argumente, die die bullischen Akteure, die in den letzten Monaten wenig zu fürchten hatten, auf die Gegenseite bringen würde. Gibt es die?

Expertenmeinung: Der aktuelle Abgabedruck basiert auf der durch Aussagen des russischen Ölministers geschürten Erwartung, dass die OPEC bei ihrem nächsten Treffen im Juni die Fördermengenbegrenzung lockern könnte. Denkbar wäre das allemal, denn während die OPEC-Länder dadurch zu einem deutlich Anstieg der Ölpreise beitrugen, profitierten davon vor allem die Nicht-OPEC-Staaten wie die USA, die ihre Förderung immer weiter ausbauten und damit die steigenden Preise voll mitnehmen konnten. Aber ob eine OPEC-Lockerung die Angebotslage deutlich verändert, ist fraglich. Gerade der Anstieg der US-Ölförderung bei zugleich nicht den vorherigen, optimistischen Erwartungen entsprechendem Weltwirtschaftswachstum hätte eine solche Rohöl-Hausse auch bisher nicht unterstützt. Es waren vor allem Spekulationen, zuletzt hinsichtlich einer Zuspitzung der Lage in Nahost und daraus resultierender Ausfälle beim Angebot, die den Kurs immer höher trieben. Der Vorteil der Bullen in solchen Situationen: Solange es nicht wirklich zu einer solchen Zuspitzung kommt, kann man immer weiter kaufen, mit dem Argument, dass eben diese Zuspitzung ja noch kommen könnte. Kurz: Die Argumente sind dehnbar, man dürfte sich weder darüber wundern, dass Brent Crude auf einmal doch deutlich über 80 US-Dollar hinaus schießen würde noch über einen schnellen Selloff in die Zone 69/70 US-Dollar. Sollte Brent Crude Oil mit Schlusskursen unter 75 US-Dollar deutlicher unter das Tagestief des Freitags fallen, würde sich die Wahrscheinlichkeit eines nennenswerten Rücksetzers klar erhöhen. Bis dahin aber bleibt den Bullen die Chance, aus dieser Konstellation heraus erneut anzugreifen und dabei neue Hochs zu markieren.

COIL_2018_05_28

Vor drei Wochen waren die Öllagerbestände in den USA überraschend deutlich um über sechs Millionen Barrel gestiegen. Sie sehen am Chart der Ölsorte Brent Crude, dass das die bullischen Trader nicht besonders irritiert hatte. Und es blieb ohnehin vorerst ein Ausreißer, denn die Bestände in den USA sind in den darauffolgenden zwei Wochen wieder gesunken. Gerade im Rohstoff-Sektor werden Trends gerne bis zum Exzess ausgereizt. Die Trader dominieren über die Futures das Geschehen, die faktische Entwicklung von Angebot und Nachfrage spielt oft eine untergeordnete Rolle. Da muss man sich nicht wundern, dass die Rohöl-Bullen eine Zuspitzung der Lage im Nahen Osten und eine damit einhergehende Behinderung der Ölförderung und der Transportwege als Argument hoch halten, obwohl das keineswegs passieren muss. Man sollte sich ebenso wenig wundern, wenn man am Ölmarkt im Zuge dieses Aufwärtstrends hervorhebt, dass die Fördermengenbegrenzung der OPEC das Angebot verknappt und zugleich ignoriert, dass die Nicht-OPEC-Staaten umso mehr Öl fördern und vor allem die USA ein um den anderen Monat neue Rekorde bei ihrer Fördermenge erreichen. Hier, bei dieser Rohöl-Hausse, bleibt die Ratio ausgesperrt. Und wenn sich das nicht ändert, muss dieser Kursanstieg noch lange nicht zu Ende sein.

Expertenmeinung: Da muss man sich nur an die in der Retrospektive verrückt wirkende Öl-Hausse 2008 erinnern, als man den Investoren weismachte, nur Rohstoffe seien „wahre Werte“ und deshalb massiv Kapital aus Aktien in Long-Positionen am Ölmarkt floss, der dann indes ebenso rasant den gesamten Anstieg wieder abgab und viele lange Gesichter hinterließ. Mit Argumenten im Bereich der Fundamentaldaten kommt man diesem Trend nicht bei, daher wäre es angeraten, sich zum einen nicht einfach gegen den Trend zu stemmen und sich zum anderen stur und pragmatisch an der Chart- und Markttechnik zu orientieren. Und die zeigt zwar erste, leichte Indizien auf ein denkbares, womöglich aber nur zeitweiliges Ende der Rallye. Aber mehr eben auch nicht. Dass ein zeitweise größerer Anstieg, der Brent Crude Oil kurzzeitig über die runde Marke von 80 US-Dollar geführt hatte, am Donnerstag abverkauft wurde und nur ein marginales Plus blieb, ist zwar ein Hinweis darauf, dass manch einer diese runde Marke als gute Basis für Gewinnmitnahmen sieht. Aber der Trend an sich bleibt bislang intakt und der RSI-Indikator, unten im Chart eingeblendet, ist weder bereits zwingend überkauft, noch weist er negative Divergenzen zum Kursverlauf auf, die ein Warnsignal sein könnten. Solange Brent Crude nicht wieder in den breiten, aus dem vergangenen Sommer stammenden Aufwärtstrendkanal zurückfällt und durch den zuletzt Anfang April und Anfang Mai erfolgreich verteidigten Leitstrahl der Rallye in Form der aktuell bei 75,45 US-Dollar verlaufenden 20-Tage-Linie rutscht, ist das Chance/Risiko-Verhältnis auf der Long-Seite das bessere und nach oben noch kein Limit zu erkennen – vor allem dann nicht, wenn sich die Lage im Nahen Osten tatsächlich ernstlich zuspitzen würde.

Chart vom 17.05.2018, Kurs 79,32 US-Dollar, Kürzel COIL

Da rieben sich nicht wenige verwundert die Augen: Ausgerechnet an dem Tag, an dem der US-Präsident durch den Ausstieg aus dem Iran-Atom-Deal eine kritische Situation am Ölmarkt hätte hervorrufen können, fielen die Kurse aller wichtigen Ölsorten erheblich. Das hier abgebildete Brent Crude Oil notierte zeitweise am Dienstag vier Prozent tiefer. Aber wieso? Dachten die Akteure, Trump werde schon nicht ernst machen? Das war schwer vorstellbar, immerhin war seit Tagen aus regierungsnahen Kreisen zu hören, dass Trump den Ausstieg schon beschlossen habe. Ein anderer Grund ist wahrscheinlicher: Brent Crude Oil war in den vier Wochen zuvor um in der Spitze zehn US-Dollar gestiegen. Und das im Rahmen eines Aufwärtstrendkanals, dessen Basis im Juni 2017 bei 42 US-Dollar gelegen hatte. Es schien, als sei diese Hausse auch unter dem Gesichtspunkt einer eventuellen Angebotsverknappung durch zunehmende Spannungen in Nahost so weit ausgereizt, dass einige Akteure hier auf der Long-Seite Gewinne mitnahmen, bevor es eventuell andere tun und man keine guten Ausstiegskurse mehr bekommt. Aber haben die, die ihren Gewinn mitgenommen haben, sich richtig entschieden?

Expertenmeinung: Richtig ist zwar, dass Brent Crude Oil am Montag mit einem Hoch von 76,34 US-Dollar bis auf nur noch einen US-Dollar an die obere Begrenzung des Trendkanals herankam. Richtig ist aber auch, dass diese obere Begrenzung bislang nur durch die Zwischenhochs des Januars definiert ist und damit noch nicht als wirklich relevant bestätigt wurde. Grundsätzlich könnte diese Hausse also weitergehen, auch über diese Begrenzungslinie hinaus, vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen würden sich in den kommenden Tagen tatsächlich verschärfen. Bliebe es hingegen ruhig, kann diese Hausse in der Tat erst einmal vorbei sein. Da konkretere Reaktionen zum US-Handelsende ebenso wenig auf dem Tisch lagen wie eine genaue Definition der vom US-Präsidenten verhängten Sanktionen, blieb am Dienstag noch offen, in welche Richtung das Pendel ausschlagen wird. Dass Brent Crude sich von seinem „Mini-Selloff“ zum Handelsende erholte und dabei präzise an der 20-Tage-Linie wieder nach oben drehte, macht zwar klar, dass die Bullen hier noch präsent sind. Aber dadurch entstand eine Kombination aus einem Doji mit langem unteren Docht, „Umbrella“ genannt, der durchaus das Ende einer starken Aufwärtsbewegung markieren kann. Was bleibt, ist eine offene, zugleich aber immens spannende Konstellation, die eine baldige Entscheidung erwarten lässt. Schlusskurse unter 73 US-Dollar und damit unter der 20-Tage-Linie wären eine bärische Indikation mit kurzfristigem Ziel bei 67,50 US-Dollar. Schlusskurse über der oberen Begrenzung des Trendkanals bei 77,50 US-Dollar hingegen wären ein Signal, dass sich diese Rallye noch einmal ordentlich intensivieren kann.

Chart vom 08.05.2018, Kurs 75,69 US-Dollar, Kürzel COIL

Mit seiner Ankündigung einer Vergeltungsaktion gegen das syrische Regime stieß der US-Präsident bei den Rohöl-Bullen natürlich auf fruchtbaren Boden. Zwar ist die Lage noch unklar, weil man offenbar in den USA einerseits noch die Beweislage auswertet, zeitgleich aber militärische Aktionen vorbereitet. Aber die Tendenz ist klar: Das Weiße Haus legt sich derzeit über Syrien immer intensiver mit Russland an. Und dass eine militärische Eskalation in Syrien auch auf die benachbarten, ölfördernden Länder Auswirkungen hätte, ist unstrittig.

Kein Wunder, dass Brent Crude Oil seit Wochenbeginn auf dem Vormarsch ist und mit dem Break über die Linie von 70,40 US-Dollar pro Barrel, die Hochs vom Januar und März, einen wichtigen Widerstand überwand. Das neue Jahreshoch scheint den Weg nach oben freigeräumt zu haben. Und in der Tat ist das sich aufheizende, geopolitische Umfeld grundsätzlich eine Triebfeder für steigende Ölpreise. Aber:

Dass die Gefahr eines Handelskrieges erst einmal vom Tisch ist, glaubt womöglich nur Donald Trump. Denn die Aussagen Xi Jinpings am Montag zielten klar darauf ab, dass China sich nur denen öffnen werde, die sich an die Spielregeln der World Trade Organisation (WTO) halten. Und dazu rechnet man die USA eher nicht. Dass sich ein Handelskrieg negativ auf die Wachstumsperspektiven auch der USA als Auslöser eines solchen Konflikts auswirken würde, sehen auch die meisten Mitglieder des Offenmarktausschusses der US-Notenbank so, wie aus dem Protokoll der letzten Fed-Sitzung ersichtlich wurde, das am Mittwochabend veröffentlicht wurde. Aber das wiederum würde bedeuten, dass die Rohöl-Nachfrage tendenziell zurückgehen könnte – ein Argument für das bärische Lager. Und dass die Rohöl-Lagerbestände der USA in der vergangenen Woche wider den Prognosen der Analysten gestiegen sind (wie in den meisten Wochen seit Ende Januar) deutet an, dass das Wachstum schon jetzt geringer ausfällt, als man das Ende vergangenen Jahres noch dachte. Was bedeutet:

Beide Seiten haben gute Argumente auf ihrer Seite. Und auch, wenn Brent Crude Oil am Mittwochabend auf einem neuen Jahreshoch schloss und sich seit Juni in einem stabilen Aufwärtstrend bewegt, wie der Chart auf Tagesbasis zeigt, so müsste Brent doch diese Woche noch weiter zulegen, um wirklich freie Bahn bis an den markanten Wendepunkt aus dem Mai 2015 bei 80 US-Dollar zu haben. Denn der Chart auf Wochenbasis zeigt einen Widerstand, der seitens der Trader wohl kaum übersehen wird: Mit dem gestrigen Schlusskurs ist Brent Crude Oil genau an die obere Begrenzung eines aus dem Februar 2016 stammenden, mittelfristigen Aufwärtstrendkanals gelaufen. Und diese obere Begrenzung bei 72 US-Dollar wurde durch das Zwischenhoch vom Januar bereits als relevanter Widerstand bestätigt. Fazit:

Chart vom 11.04.2018, Kurs 71,97 US-Dollar, Kürzel COIL

Erst, wenn Brent am Freitag klar über 72 US-Dollar schließen würde, wäre der Weg Richtung 80 US-Dollar aus charttechnischer Sicht frei und damit ein Aufstocken bestehender Long-Trades einen Gedanken wert. Wobei es da dann nicht um die Frage ginge, statt einem Ausbau von Long-Positionen Short zu gehen, sollte Brent diese Hürde nicht nehmen, denn für Short-Trades besteht so lange keine charttechnische Basis, so lange der mittelfristige Aufwärtstrend vom Juni 2017 bei derzeit 65,80 US-Dollar hält.

Chart vom 11.04.2018, Kurs 71,97 US-Dollar, Kürzel COIL

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